Die Saarner Dorfkirche und ihre Orgel

Blick in die Dorfkirche Saarn, Quelle: Günter Fraßunke
Blick in die Dorfkirche Saarn, Quelle: Günter Fraßunke

Von: Günter Fraßunke

Auf der linken Ruhrseite gibt es in der Broicher Kirche die älteste im Original erhaltene Kirchenorgel in Mülheim an der Ruhr – die „Historische Sauer-Orgel“. Sie repräsentiert den Klang der französisch-romantischen Disposition (Anzahl und Art der Register), wie sie im deutschen Orgelbau des ausgehenden 19. Jahrhundert „modern“ war. Nur wenige dieser Orgeln überstanden den Bombenkrieg im Ruhrgebiet oder wurden nach dem späteren Zeitgeschmack überarbeitet. Nicht so in der Evangelischen Kirche zu Broich: es blieb immer dasselbe Instrument.

Ganz anders die Geschichte der Orgeln in der Saarner Dorfkirche. Sie lesen richtig: Plural – denn es waren bis heute nacheinander vier Orgeln in demselben Gehäuse. Angefangen hatte die Entwicklung zur Gemeinde im Jahr 1682, als das reformierte Presbyterium auf dem Kirchenhügel den evangelischen Saarnern die Baugenehmigung für ein „Bethaus“ gewährte, das für die Erteilung kirchlichen Unterrichts und Trauerfeiern bestimmt war. Dies war der erste Schritt zur Selbständigkeit. Auf dem Fundament des Fachwerkbaus, das nach 100 Jahren baufällig geworden war, entstand 1774-78 eine weiß-verputzte saalartige Kapelle im Regionalstil des Bergischen Rokoko mit aufgesetztem Glockentürmchen. Die Anerkennung als Kirchengemeinde durch den Landesherrn in Düsseldorf, Kurfürst Karl Theodor aus der Familie der katholischen Wittelsbacher (Pfalzgraf und Kurfürst von der Pfalz sowie Herzog von Jülich-Berg, 1724-1799), blieb den evangelischen Saarnern ebenso verwehrt wie die Anerkennung als Filialgemeinde der Petrigemeinde. An die Anstellung eines Pfarrers sowie den Einbau einer Orgel war also nicht zu denken.

Das Jahr 1809 brachte eine zögerliche Wende, als einer der Pfarrer, Johann Engels, an der Petrikirche in der Saarner Kapelle einen Sonntagsgottesdienst halten durfte. Nach mehreren Rückschlägen wurde 1844 aus der Filiale Saarn eine Landgemeinde, die große Probleme hatte mit der Finanzierung der notwendigen Erweiterung des Kirchenbaus und der Anschaffung einer Orgel. Dank des umtriebigen Pfarrers Clemens Seyd und seiner Spendenreisen im In- und Ausland (England und Niederlande) konnte 1851 eine Erweiterung der Dorfkirche nach einem abgespeckten „Plan B“ mit Kirchturm und Orgelempore eingeweiht werden.

Die restlichen Finanzen aus dem Bauhaushalt reichten nur für eine gebrauchte Orgel, die Franz Joseph Epmann aus Recklinghausen 1797 vermutlich für eine Kirche in Essen gebaut hatte. Die Orgelbaufirma Adolph Ibach & Söhne aus Barmen wurde 1854 beauftragt, die Orgel am alten Ort abzubauen und in Saarn aufzubauen. Schon drei Jahre später wurde die Firma Johannes Vermeulen aus Weert (Limburg/NL) mit der Erneuerung der Mechanik und der Stimmung beauftragt. Der Orgelsachverständige der Rheinischen Kirche fällte 75 Jahre später ein vernichtendes Urteil über den Zustand der Orgel: altersschwach, ausgedient, die Würde des Gottesdienstes gefährdend. Dies gab den Ausschlag für die Projektierung einer neuen Orgel. Den Auftrag erhielt die weltbekannte Firma Wilhelm Sauer in Frankfurt / Oder. Bedenken des Denkmalschutzes wegen der geplanten Eingriffe am Orgelprospekt (die Schauseite des Instruments) verzögerten die Fertigstellung der Orgel mit 18 Registern bis 1941. Der Bombenkrieg verschonte die Dorfkirche, sodass sie 1951 ihren 100-jährigen Geburtstag in der erweiterten Gestalt feiern konnte. Dieses Jubiläum richtete den Blick auf die Tatsache, dass ein gewaltiger Sanierungsstau entstanden war.

Endlich wurde in den Jahren 1960-62 eine Generalsanierung der Kirche unter Leitung des Hochschullehrers Denis Boniver (1897-1961) in Angriff genommen; das letzte Werk dieses bedeutenden Architekten[1]. Unter anderem erhielt die Kirche ihre klassizistische Farbigkeit zurück, die unter den dunklen Farbschichten von 1925 gefunden wurde. Boniver schrieb der Gemeinde kurz vor seinem Tod, die Saarner Kirche sei „eine schöne kleine Aufgabe, die mich von Anfang an gereizt hat“.

Im Rahmen der Erneuerung der Kirche wurde der Sauer-Schüler Willi Peter aus Köln 1964 damit beauftragt, ein neues Orgelwerk in das historische Gehäuse einzubauen. Doch auch dies war wieder nur ein Zwischenspiel.

Das Jahr 1986 zeigte, dass wieder einmal eine Sanierung und Ertüchtigung zur Werterhaltung der Kirche fällig war. Nur hierdurch konnte die Empore für eine neue Orgel vorbereitet werden. Warum war nach gut 40 Jahren wieder ein neues Instrument fällig?  Zum einen hatte sich gezeigt, dass die bei den Umbauten in der Kriegs- und Nachkriegszeit verbauten Materialien von minderer Qualität waren. Zum anderen aber sollte das Orgelgehäuse wieder in den ursprünglichen Zustand der Erbauungszeit zurückgeführt werden. Letztlich sollte der Orgelklang demjenigen im frühen Ruhrgebiet nahekommen. Kurzum: der Bergische Stil der Dorfkirche und der Klang der Orgel sollten zueinander passen.

Im Jahre 1998 begannen die Planungen für das Projekt. Beauftragt wurde der niederländische Orgelbaumeister Hans van Rossum aus Aalburg/Nordbrabant NL, dessen Firma sich seit etwa 1969 mehr und mehr auf den historisierenden Orgelbau des Barocks spezialisierte. Bei der Gestaltung des Prospekts stellte sich heraus, dass es ursprünglich nach einer Vorlage der Orgelbauerfamilie Weidtmann aus Ratingen gefertigt wurde[2]. Offen bleibt, ob das Pfeifenwerk der 1854 angeschafften Orgel ebenfalls oder zumindest teilweise von Weidtmann stammt. Bei der Disposition wurde berücksichtigt, dass in unserer Region verschiedene Einflüsse zusammenkamen: aus Norddeutschland, Süddeutschland, dem Elsass und Mitteldeutschland. Das Rechercheteam hatte sich daher Orgeln aus der Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts im Umkreis des Ruhrgebiets – besonders in Hörstgen und Kempen – angesehen und Archivgut gesichtet, um die Disposition für die Saarner Orgel planen zu können. Mehr als zehn Jahre dauerten die Vorbereitung und der Bau der Orgel bis zur Indienststellung am 28. Juni 2009.

Quellen:

  • [1] Wiederaufbau u.a. Marienkirche in Lübeck, Petrikirche in Mülheim an der Ruhr, Altstadtkirche in Gelsenkirchen
  • [2] von 1675 bis 1760 in drei Generationen tätig im Rheinland, in Westfalen und in den Niederlanden https://de.wikipedia.org/wiki/Weidtmann_(Orgelbauerfamilie)
  • Die van Rossum-Orgel der Dorfkirche zu Mülheim-Saarn – Entstehung – Veränderung – Rekonstruktion, Hrsg. Ev. Kirchengemeinde Saarn, 2009, 60 S.
  • Die Saarner Dorfkirche – Älteste evangelische Kirche in Mülheim an der Ruhr, Hrsg. Ev. Kirchengemeinde Broich-Saarn, 2016, 20 S.
Die van Rossum-Orgel in der Dorfkirche Saarn in Frontalansicht, Quelle: Günter Fraßunke
Die van Rossum-Orgel in der Dorfkirche Saarn in Frontalansicht, Quelle: Günter Fraßunke
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