von: Claudia Kruszka
Was macht ein Dorf aus? Für viele Menschen ist es weit mehr als eine Ansammlung von Häusern. Ein Dorf steht für Nachbarschaft, persönliche Begegnungen und ein Miteinander, in dem man sich kennt, einander hilft und Verantwortung füreinander übernimmt. Genau dieser Gedanke bildete die Grundlage für das Fliednerdorf in Mülheim an der Ruhr, nahe dem Stadtteil Selbeck.
Mit dem Bau des Dorfes begann Mitte der 1980er Jahre ein deutschlandweit einzigartiges Projekt. Eine Gemeinschaft zu gründen, in der Menschen mit und ohne Behinderungen, alte und junge Menschen gleichberechtigt zusammenleben, war das ambitionierte Ziel des Konzeptes von Prof. Klaus Hildemann, seinerzeit Leitender Direktor der Theodor Fliedner Stiftung. Dabei setzte er auf sechs renommierte Architekten, die er beauftragte, das Theodor Fliedner Dorf mit ganz unterschiedlichen Bauformen und Charakteristika zu gestalten. Sie entwickelten gemeinsam ein Wohnensemble, das bewusst auf die Monotonie vieler Neubausiedlungen verzichtete. Statt einheitlicher Gebäude entstand ein abwechslungsreiches Ortsbild mit individuell gestalteten Häusern, kleinen Plätzen und verwinkelten Wegen – ganz so, wie es für historisch gewachsene Dörfer typisch ist. Ende 1987 konnten die ersten Bewohnerinnen und Bewohner einziehen, 1994 war das Dorf vollständig fertiggestellt.
Heute leben auf rund 64.000 Quadratmetern etwa 600 Menschen im Fliednerdorf. Das Besondere ist seine soziale Vielfalt: Hier wohnen ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen sowie Familien mit Kindern Tür an Tür. Dieses bewusste Miteinander schafft eine lebendige Nachbarschaft, in der Unterschiede selbstverständlich zum Alltag gehören und gegenseitige Unterstützung ebenso wie Eigenständigkeit ihren festen Platz haben.
Das Dorf bietet alles, was ein lebenswerter Wohnort braucht:
- Mittelpunkt ist der gepflasterte Marktplatz mit seinem „Rathaus“, in dem Veranstaltungen, Konzerte, Theateraufführungen und Feste stattfinden.
- Hinzu kommen ein Sinnesgarten
- ein Dorfladen
- ein Friseur
- sowie eine Kirche mit ihrem markanten gelben Rundturm, die das Ortsbild prägt. Die Kirchengemeinde steht allen offen und bietet neben Gottesdiensten auch Gesprächskreise, musikalische Veranstaltungen und gemeinschaftliche Aktivitäten an.
Ein wichtiger Bestandteil des Dorfes ist der Bereich „Wohnen im Alter“. In zwölf barrierefreien Häusern leben bis zu 210 pflegebedürftige Menschen in großzügigen Appartements, die individuell mit eigenen Möbeln und persönlichen Erinnerungsstücken eingerichtet werden können. Die Wohnbereiche umfassen jeweils zwölf bis fünfzehn Appartements und verfügen über gemeinschaftliche Küchen, Wohn- und Essbereiche, Aufenthaltsräume sowie großzügige Gärten. Neben der dauerhaften Pflege wird auch Kurzzeitpflege angeboten.
Ergänzt wird das Wohnangebot durch den Waldhof, eine moderne Anlage für betreutes Wohnen. In unmittelbarer Nähe des Dorfes entstanden 20 barrierefreie Mietwohnungen, eingebettet in eine naturnahe Hofanlage mit denkmalgeschütztem Fachwerkkotten. Die Wohnungen ermöglichen älteren Menschen, trotz körperlicher Einschränkungen selbstständig zu leben und gleichzeitig bei Bedarf auf Unterstützungsangebote zurückzugreifen. Darüber hinaus verfügt die Theodor Fliedner Stiftung im Dorf über zahlreiche weitere Mietwohnungen für Seniorinnen und Senioren, Menschen mit Behinderungen sowie Mitarbeitende der Stiftung.
Für Menschen mit Behinderungen bietet das Dorf unterschiedliche Wohnformen – vom selbstständigen Wohnen bis zur Wohngemeinschaft mit individueller Assistenz. Viele besuchen tagsüber die benachbarten Fliedner Werkstätten oder andere tagesstrukturierende Angebote. Die heilpädagogische Begleitung unterstützt sie dabei, den Alltag möglichst selbstständig zu bewältigen und soziale Beziehungen zu gestalten.
Doch das Fliednerdorf ist weit mehr als eine soziale Einrichtung. Es ist ein lebendiger Lebensraum, in dem Freundschaften entstehen, Kinder gemeinsam spielen, Nachbarn miteinander ins Gespräch kommen und Generationen voneinander lernen. Kultur und Gemeinschaft haben dabei einen hohen Stellenwert. Konzerte, Theater, Feste, Ausstellungen und zahlreiche Freizeitangebote bringen Menschen zusammen. Auch der seit nunmehr fast zehn Jahren sehr aktive Förderverein trägt wesentlich mit dazu bei, dass das Kulturprogramm einen festen Platz im Zusammenleben der dort wohnenden Menschen gefunden hat. Die inklusive Band „Spirit Steps“ ist weit über Mülheim hinaus bekannt und steht beispielhaft für die kreative Vielfalt des Dorfes.
Seit fast vier Jahrzehnten zeigt das Fliednerdorf, dass Inklusion gelingen kann. Es verbindet Geborgenheit mit Freiheit, professionelle Unterstützung mit größtmöglicher Selbstständigkeit und nachbarschaftliches Miteinander mit individueller Lebensgestaltung. Damit ist das Dorf bis heute ein außergewöhnliches Beispiel für gelebte Gemeinschaft und ein bedeutender Bestandteil der Sozial- und Stadtgeschichte Mülheims.
