Was steht da an der Wand

Bauernstange im Historischen Museum, Foto: Beate Fischer
Bauernstange im Historischen Museum, Foto: Beate Fischer

von: Beate Fischer und Daniel Heumann

Sind die Waffen im Museum Schloß Broich wirklich Morgensterne?

Fachwissen für die Neukonzeption des Museums

 Mit der Neugestaltung des Historischen Museums Schloß Broich wird auch die Präsentation der historischen Waffen grundlegend überarbeitet. Dabei setzt der Geschichtsverein Mülheim an der Ruhr auf die Unterstützung eines ausgewiesenen Experten: Daniel Heumann.

Seit vielen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit historischen europäischen Kampfkünsten und der wissenschaftlichen Auswertung mittelalterlicher Fechtquellen. Als ehemaliger Vizepräsident des Deutschen Dachverbands Historischer Fechter (DDHF), langjähriger Trainer im historischen Fechten und Referent verbindet er praktische Erfahrung mit fundierter Quellenforschung. Bereits in der Vergangenheit begeisterte er Besucherinnen und Besucher des Historischen Museums Schloß Broich mit Führungen rund um historische Waffen und ihre Verwendung.

Im Rahmen der Neukonzeption des Museums begleitet Daniel Heumann die fachliche Einordnung des Waffenbestandes. Er wirkt an der Auswahl der künftig präsentierten Exponate mit, erarbeitet wissenschaftlich fundierte Objektbeschreibungen und wird sein Wissen künftig auch in kurzen Filmsequenzen vermitteln. Ziel ist es, die Waffen nicht nur als Ausstellungsstücke zu zeigen, sondern ihre Geschichte, ihre Nutzung und ihre kulturgeschichtliche Bedeutung für die Besucherinnen und Besucher anschaulich erlebbar zu machen.

Daniel Heumann, Foto: Beate Fischer
Daniel Heumann, Foto: Beate Fischer

Der folgende Beitrag gibt einen Einblick in diese spannende Forschungsarbeit. Am Beispiel zweier bislang als „Morgensterne“ bezeichneter Waffen wird deutlich, dass historische Objekte oft weit mehr erzählen, als ihre Inventarbezeichnung zunächst vermuten lässt.

Wer den Raum 6 die Waffenkammer des Museums Schloss Broich, betritt, entdeckt an der Wand zwei auffällige Waffen. Im Inventargutachten werden sie als Morgensterne bezeichnet und in das 16. bis 17. Jahrhundert datiert. Besonders bemerkenswert ist, dass die ungewöhnlich langen Holzschäfte offenbar original erhalten geblieben sind. Doch sind diese Waffen tatsächlich Morgensterne?

Der Begriff „Morgenstern“ ist historisch keineswegs eindeutig. Je nach Region wurden ähnliche Waffen unterschiedlich bezeichnet. Während sich die Bezeichnung im Schweizer Raum seit dem 14. Jahrhundert nachweisen lässt, waren die dort bekannten Morgensterne meist deutlich kürzer als die Broicher Exemplare. Auch andere Museen weisen darauf hin, dass Form und Bezeichnung solcher Waffen stark voneinander abweichen können. Da sie meist nicht von adeligen Kriegern, sondern von einfachen Soldaten oder Bauern genutzt wurden, entstanden häufig regionale Bauformen und unterschiedliche Namen.

Spurensuche in historischen Quellen

Ein Blick in mittelalterliche Fechtbücher bringt interessante Erkenntnisse. Der Fechtmeister Hans Talhoffer zeigt um 1459 eine Waffe, die er als „Kolben“ bezeichnet. Sie ähnelt den späteren Morgensternen, ist jedoch deutlich kürzer und wurde vermutlich für gerichtliche Zweikämpfe verwendet.

Noch spannender sind die Fechtbücher des Augsburger Fechtmeisters Paulus Hector Mair aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Dort wird die sogenannte Bauernstange dargestellt. Eine etwa mannshohe Holzwaffe, die mit beiden Händen geführt wird und den Broicher Waffen in Form und Größe erstaunlich nahekommt. Die beschriebenen Kampftechniken setzen auf kraftvolle Hiebe mit dem oberen Teil der Waffe. Genau dort könnten, wie bei den Broicher Exemplaren, Nägel oder eiserne Beschläge angebracht gewesen sein. Die in Mairs Fechtbuch dargestellten Bewegungsabläufe lassen sich daher gut auf die Waffen im Museum übertragen.

Waffen einfacher Menschen

Auch außerhalb der Fechtbücher finden sich vergleichbare Darstellungen. An der Fassade der Kramerzunft in Memmingen ist ein Bauer mit einer langen, nagelbewehrten Keule dargestellt. Solche Abbildungen sprechen dafür, dass ähnliche Waffen tatsächlich im bäuerlichen Umfeld verbreitet waren.

Ob die Waffen damals Morgenstern, Bauernstange, Kolben oder Keule genannt wurden, lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären. Wahrscheinlich war ihre Bezeichnung regional unterschiedlich. Sicher ist jedoch, dass sie anders eingesetzt wurden als die einhändig geführten Morgensterne, die meist zusammen mit einem Schild verwendet wurden. Die Broicher Waffen mussten aufgrund ihrer Länge und ihres Gewichts beidhändig geführt werden.

Ein seltener Blick auf den Alltag des Mittelalters

Gerade deshalb sind die beiden Waffen im Museum Schloß Broich von besonderem Interesse. Sie stehen vermutlich für eine Waffengattung, die heute nur selten erhalten geblieben ist. Anders als die aufwendig verzierten Waffen des Adels bestanden sie überwiegend aus Holz und einfachen Eisenbeschlägen. Solche Gebrauchsgegenstände einfacher Menschen überdauerten die Jahrhunderte nur selten.

Die beiden Broicher Waffen erinnern deshalb daran, dass mittelalterliche Geschichte nicht nur aus Rittern und Prunkwaffen bestand, sondern ebenso von den Waffen und Werkzeugen der einfachen Bevölkerung geprägt wurde.

Quellen:
Christian Folinie: „Morgenstern“, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version von 2007 Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008615/2007-07-24/, konsultiert am 04.06.2026. Luzern, Korporation Luzern, S 23 fol.:
Chronique illustrée du lucernois Diebold Schilling (Luzerner Schillling) (https://www.e-codices.unifr.ch/fr/list/one/kol/S0023-2). https://www.armeemuseum.de/de/1587-objekt-morgenstern-ausfuehrlich.html,
Liliane und Fred Funcken, Historische Waffen und Rüstungen, S. 134, München 2025, 

Mair Bauernstange, Quelle: https://wiktenauer.com/wiki/File:Mair_peasant_staff_04.jpg
/File:Mair_peasant_staff_04.jpg
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