Zu den umfangreichen Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen, die Graf Wilhelm Wirich gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges in den Jahren 1644-1648 an Schloß Broich vornehmen ließ, gehörte auch die Anlage eines Außenwerks, dem er den Namen „Veränderung“ gab.
Die kleine Anlage, fast eine Miniaturburg, ließ der Graf wohlüberlegt ein stückweit südwestlich der von ihm angelegten Wehr- und Einfriedungsmauern rund um den neuen Schlossgarten herum zum Haagerfeld hin errichten. Bei der Belagerung der Burg Broich durch spanische Truppen 1598 hatte sich die Wehrlosigkeit der Burganlage insbesondere im Bereich des Palas und des Küchenturms gezeigt. In letzteren hatten die Spanier dann ja auch die Bresche geschossen.
Das Außenwerk „Veränderung“ deckte diesen Bereich des Schlosses zum Haagerfeld hin ab, der nicht mit Geschützen zu bestückt und zu verteidigen war. Ob die Anlage im Zeitalter der Geschütze einen tatsächlichen Verteidigungswert gehabt hätte, musste glücklicherweise niemals unter Beweis gestellt werden.
Kurt Ortmanns beschrieb in Heft 77 der Rheinischen Kunststätten die Lage des Außenwerks etwa an der Stelle des späteren Bahnhof Broichs und dass das Außenwerk dem Bau des Bahnhofs für die Untere Ruhrtalbahn hatte weichen müssen.
Die Auffindung einer untypisch großen und sehr detaillierten Katasterkarte, die als Supplementkarte (Ergänzungskarte) in das Flurbuch der Gemarkung Broich 1878-1882 eingebunden war, ermöglichte nun eine genauere Lagebestimmung der Anlage.
„Veränderung“ lag gut 125 Meter südwestlich vom Küchenturm des Schlosses und gut 67 Meter entfernt von der Spitze der Südwestbastion, mit der Graf Wilhelm Wirich den Schlossgarten gesichert hatte. Das Bauwerk stand auf einer kreisrund angelegten Insel von fast 19 Metern Durchmesser, die innerhalb eines ebenfalls kreisrund angelegten Wassergrabens mit fast 31 Metern Durchmesser lag.
Gespeist wurde die teichartige Anlage durch den aus dem Haagerfeld kommenden Bach, der in früheren Zeiten den Wassergraben um die Burg Broich gefüllt hatte. Auf der Katasterkarte ist der Verlauf des Baches vom heutigen Schloßberg bis zur mauerbewehrten Zufahrt zum Schloss eingezeichnet. Ab dort verlief er bereits 1877 unterirdisch weiter der Ruhr entgegen.
Das Außenwerk bestand aus einer rechteckigen Anlage, deren Haupthaus etwa 7 m lang und 6,5 m breit war. An der Nordwest- und Südwestecke schlossen sich Türme mit ca. 4 Meter Durchmesser an, während ein ähnlicher Halbturm an der Südostecke anschloss. Zum Vergleich, der Küchenturm von Schloß Broich hat ca. 5 Meter Durchmesser. Es handelte sich also gar nicht mal um allzu zierliche Türme an der „Veränderung“.
Dem Bau der Eisenbahn ist das Vorwerk, wie sich nun herausstellte, allerdings nicht zum Opfer gefallen, denn „Veränderung“ lag nicht auf dem von der Bahn erworbenen Terrain. Stattdessen hat man mit der durch die Anlage der Bahntrasse notwendigen Kanalisierung des Baches offensichtlich auch den Wassergraben aufgeschüttet.
Als Eduard Stöcker die Parzelle, auf der „Veränderung“ stand (heute Schloßberg Nr. 2 und 4) im Jahr 1883 an die Bauunternehmer Wilhelm August Kuhrt (Zimmerermeister) und Heinrich Hoffmann (Schreinermeister) verkaufte, gab es auf der Katasterkarte schon keinen Eintrag mehr für den Bachlauf und Wassergraben, während das Außenwerk auf einer von Stöcker beantragten Handzeichnung des Katasters vom September 1882 noch eingetragen war. In der Supplementkarte, mit der später der Verkauf der Parzelle dokumentiert wurde, war das Außenwerk auf dem Plan bereits ausgekreuzt, was im preußischen Kataster der damaligen Markierung für weggefallene Bauwerke entsprach.
Noch am Sedantag (2.9.) 1875, dem inoffiziellen Nationalfeiertag des Kaiserreichs, diente die malerische Kulisse der Ruine zur Aufführung patriotischer Bühnenbilder, die in der abendlichen Dunkelheit unter bengalischer Beleuchtung aufgeführt wurden.
Recherchen im umfangreichen und akribisch geführten Stöcker-Nachlass im Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr lieferten keine eindeutigen Erkenntnisse darüber, ob Eduard Stöcker „Veränderung“ selbst hatte abreißen lassen. Abermals war es eine kleine Meldung in der Rhein- und Ruhrzeitung, die endlich Gewissheit über das Schicksal des Außenwerks brachte. In der zweiten Ausgabe des Jahres 1884 meldete die Zeitung, dass mit dem letzten Tag des alten Jahres nun auch der Rest des „alten Thurmes“ an der Duisburger Chaussee (heute Schloßberg) verschwunden sei.
Es war also die Firma Kuhrt und Hoffmann, die „Veränderung“ abtrugen, um Platz für ihre Firmenbauten zu schaffen. So traurig das Verschwinden von Teilen des Schlosses auch aus heutiger Sicht ist, so besteht aber immerhin die hohe Wahrscheinlichkeit, dass brauchbare Ruhrsandsteine aus dem Außenwerk anderswo wiederverwendet wurden, da es sich um hervorragendes Baumaterial handelte.
Mit dem Verkauf der Parzelle an Kuhrt und Hoffmann beginnt dann auch ein neuer Abschnitt in der Entwicklung von Broich. Die beiden Bauunternehmer hatten ihre Geschäfte schon 1878 zu einer erfolgreichen Unternehmung vereint, die in den nachfolgenden Jahrzehnten zahlreiche wunderschöne Gebäude erstellte, wie z.B. die Kurfürstenstraße 23 und 42 oder die Kirchstraße 51. Auch beim Innenausbau der Kirche in der Wilhelminenstraße war die Firma beteiligt.
Glücklicherweise überstanden viele der Jugendstilbauten den Zweiten Weltkrieg und die anschließende Erneuerungswut von Stadtplanung und Stadtentwicklung. Und wer weiß: Vielleicht verbergen sich unter dem Fassadenputz einiger der schönen Häuser am Schloßberg, der Wilhelminenstraße oder der Kurfürstenstraße noch heute Teile von Graf Wirichs „Veränderung“.
