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Demokratie im Aufbruch – Die Kommunalwahl 1946

Mathilda Becker, Zoha Mahmood, Patrick Böhm, v.l. Foto: Jens Roepstorff
Mathilda Becker, Zoha Mahmood, Patrick Böhm, v.l. Foto: Jens Roepstorff

von: Patrick Böhm

Wie blicken heute junge Menschen auf die erste Kommunalwahl nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur? Was bedeutet demokratische Mitbestimmung heute?

Anlässlich des 80. Jahrestages der Kommunalwahl von 1946 widmeten sich Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Heißen diesen Fragen. Im Rahmen von Projekttagen erstellten sie in Zusammenarbeit mit dem Mülheimer Stadtarchiv einen Film mit dem Titel „Demokratie im Aufbruch: Die Kommunalwahl 1946“. Vor der Filmpräsentation sprach Archivpädagoge und Historiker Patrick Böhm mit den Heißener Schülerinnen Mathilda Becker und Zoha Mahmood, die an dem Projekt beteiligt waren:

Patrick Böhm:
Ihr habt euch in den vergangenen Wochen freiwillig mit der Kommunalwahl von 1946 beschäftigt. Bevor wir gleich euren Film sehen, würde mich zunächst interessieren: Was hat euch an diesem Thema überhaupt neugierig gemacht? Warum habt ihr euch dafür entschieden, an dem Projekt im Stadtarchiv teilzunehmen?

Zoha Mahmood:
Das Thema hat mich angesprochen, weil es ein lokales Thema ist, das im Unterricht oder im Schulbuch so nicht vorkommt.

Mathilda Becker:
Für mich war auch die Verbindung mit dem Stadtarchiv interessant. Dass wir nicht nur im Klassenraum arbeiten, sondern tatsächlich in einem Archiv recherchieren konnten, fand ich spannend.

Zoha Mahmood:
Und ich fand den Bezug zur Gegenwart interessant: Bei der nächsten Kommunalwahl sind wir selbst wahlberechtigt. Deshalb hat mich die Frage interessiert, was Wählen und politische Mitbestimmung eigentlich bedeuten.

Patrick Böhm:
Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Ihr habt euch mit einer Wahl beschäftigt, die 80 Jahre zurückliegt – und gleichzeitig betrifft euch das Thema ganz unmittelbar. Wenn wir uns nun einmal in die Situation von 1946 hineinversetzen: Was glaubt ihr, hat diese Wahl für die Menschen in Mülheim damals bedeutet?

Mathilda Becker:
Die Kommunalwahl von 1946 war die erste freie Wahl nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur. Sie war deshalb auch ein symbolischer Neuanfang und stand für den Aufbau eines anderen politischen Systems.

Zoha Mahmood:
Die Menschen konnten wieder selbst entscheiden und ihre Meinung durch ihre Stimme ausdrücken. Sie hatten wieder die Möglichkeit, politisch mitzubestimmen und die Entwicklung ihrer Stadt mitzugestalten.

Mathilda Becker:
Und ich glaube, dass die Menschen damals viel unmittelbarer erlebt haben, was es bedeutet, wenn demokratische Rechte nicht selbstverständlich sind.

Patrick Böhm:
Und damit stellt sich eigentlich auch die Frage, was wir heute aus dieser Geschichte mitnehmen können. Denn auch wenn unsere Situation eine völlig andere ist, bleibt die Verantwortung, Demokratie zu erhalten und zu gestalten. Vielleicht kann uns gerade der Blick zurück dabei helfen, den Wert demokratischer Mitbestimmung wieder bewusster wahrzunehmen.

Ihr hattet die Möglichkeit, bei uns im Stadtarchiv zu forschen. Was war für euch das Besondere an der Arbeit im Archiv?

Mathilda Becker:
Wir konnten mit Originalquellen arbeiten – zum Beispiel mit Protokollen von Bürgerausschusssitzungen und mit historischen Fotografien. Das war etwas völlig anderes, als nur einen Text im Schulbuch zu lesen.

Zoha Mahmood:
Man hat dadurch das Gefühl bekommen, wirklich mit der Vergangenheit zu arbeiten und nicht nur etwas über sie zu lesen.

Patrick Böhm:
Das führt direkt zu einer weiteren Frage: Gab es bei eurer Recherche eine Quelle oder eine Erkenntnis, die euch besonders überrascht hat?

Mathilda Becker:
Mich hat überrascht, wie gut die Quellen erhalten sind. Es ist schon etwas Besonderes, Dokumente aus dieser Zeit heute noch im Original anschauen zu können.

Zoha Mahmood:
Bei den Fotografien hat mich vor allem der Zerstörungsgrad Mülheims überrascht. Ich hatte vorher keine konkrete Vorstellung davon, wie stark die Stadt nach dem Krieg zerstört war.

Mathilda Becker:
Mich hat außerdem überrascht, wie schnell nach dem Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Diktatur wieder politische Organisationen wie Parteien und Gewerkschaften zugelassen wurden. Die britische Militärregierung musste dafür ja auch ein gewisses Maß an Vertrauen in den politischen Neuanfang aufbringen.

Patrick Böhm:
Ihr habt also gemerkt: Wenn man mit den Originalquellen arbeitet, können solche Dokumente und Bilder einen ganz anderen Zugang zur Geschichte eröffnen. Und genau diese unterschiedlichen Zugänge werdet ihr jetzt auch in eurem Film zeigen.
Was erwartet uns also? Worauf dürfen wir gespannt sein?

Zoha Mahmood:
Wir zeigen jetzt einen etwa 15-minütigen Zusammenschnitt aus den verschiedenen thematischen Arbeitsgruppen, die hier im Stadtarchiv geforscht haben.

Mathilda Becker:
Dabei ist jede Gruppe etwas anders an die Aufgabe herangegangen. Die Darstellungsformen reichen vom szenischen Spiel bis hin zum klassischen Erklärvideo.

Patrick Böhm:
Dann bekommen wir jetzt also nicht nur einen Einblick in die Kommunalwahl von 1946, sondern auch einen Einblick darin, wie ihr euch diese Geschichte selbst erschlossen habt. Im Namen aller beteiligten Schüler*innen wünschen wir viel Spaß beim Anschauen!

Thomas Emons: Frauen in der Mülheimer Lokalpolitik, Foto: Jens Roepstorff

Nach der gelungenen Filmpräsentation bot sich den Zuschauerinnen und Zuschauer ein weiterer spannender Einblick in die Mülheimer Stadtgeschichte: Lokaljournalist und Historiker Dr. Thomas Emons sprach in seinem Vortrag über die „Frauen der ersten Stunde“ – jene Frauen, die 1946 die Kommunalpolitik nach der NS-Diktatur mitprägten und den Neuanfang gestalteten.

Die Veranstaltung bot einen doppelten Blick auf die Geschichte: Auf die Kommunalwahl von 1946 aus der Perspektive der Jugend und auf das oft vernachlässigte politische Engagement von Frauen in der Kommunalpolitik. Der Abend im Stadtarchiv und insbesondere die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler machte deutlich, wie fruchtbar die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Archiven werden kann, wenn es darum geht, Geschichte lebendig für die Jugend aufzubereiten.

Die starken Frauen der frühen Jahre

von: Thomas Emons

13. Oktober 1946:
91.000 Frauen und Männer sind in Mülheim dazu aufgerufen, den ersten Stadtrat der Nachkriegszeit zu wählen. 55 Prozent der Wahlberechtigten sind weiblich. Doch in den zehn Wahlbezirken kandidieren nur 13 Frauen für das neue Stadtparlament.

Nach der Wahl ziehen fünf von ihnen in den Stadtrat ein, der sich am 4. November 1946 in der Schulaula an der Von-Bock-Straße konstituiert, weil der Ratssaal noch kriegsbeschädigt ist.

Eine von ihnen ist die sozialdemokratische Büroangestellte Änne Fries. Sie gehört auch dem ersten nordrhein-westfälischen Landtag an und sitzt in Mülheim der Arbeiterwohlfahrt vor. In dieser Funktion beklagt sie vor der Wahl in der Neuen Ruhrzeitung, dass es an Kinderkleidung und Windeln fehle und der Verdacht im Raum stehe, dass vorhandene Waren gehortet würden, statt sie gegen Bezugsscheine an die Bevölkerung auszugeben,

Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die existenzielle Not in der Stadtgesellschaft des Jahres 1946, in dem alles Mangelware ist. „Man sollte uns mal befragen. Wir sind auch die Stimme des Volkes und werden viel zu selten gehört“, klagt eine Frau in der Neuen Ruhrzeitung, die zusammen mit ihren Leidensgenossinnen auf dem Rathausmarkt Schlange stehen muss, um am Ende meist nur einen Teil der Lebensmittel zu bekommen, die sie brauchen, um daheim etwas auf den Tisch zu bringen.

Viele Frauen geht es, wie Änne Fries. Ihr Mann ist als Soldat im Zweiten Weltkrieg gefallen. Mehr als 6000 Mülheimer Männer kommen nicht aus dem Krieg zurück und lassen ihre Frauen als Kriegerwitwen und als alleineerziehende Mütter in einer prekären Lebenslage zurück.

Viele von ihnen lassen sich als „Trümmerfrauen“ dienstverpflichten. Für ganz kleines Geld und erhöhte Lebensmittelrationen lösten sie in der Mülheimer Trümmerlandschaft den Mörtel von den Steinen, die noch für den Wiederaufbau zerstörter Häuser zu gebrauchen sind. Rund 70 Prozent der Mülheimer Bausubstanz  ist nach Kriegsende zerstört oder beschädigt. Erst 1953 wird Mülheim offiziell trümmerfrei.

Weil der offizielle Markt 1946 nicht alles regelt, gehen viele Frauen auch auf Hamsterfahrt, um auf dem Land oder auch auf dem Schwarzmarkt ihre verbliebenen Wertgegenstände gegen das einzutauschen, was sie und ihre Familien zum Überleben brauchen. Auch Care-Pakte aus den USA, eine Lebensmittelhilfe des Schwedischen Roten Kreuzes und eine Kinderlandverschickung in die Schweiz helfen ihnen und ihren Familien beim Überleben.

Das Überleben ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger politisch zu begleiten und zu befördern, ist auch die schwere Aufgabe der Christdemokratinnen Maria Riebartsch und Anna Maria Rodenbüsch, die ebenso, wie Änne Fries, mit den Sozialdemokratinnen Katharina Meyer und Luise Foshagen am 4. November 1946 als Stadtverordnete vereidigt werden.

Wie Fries ist auch die Thyssen-Werksfürsorgerin Rodenbüsch berufstätig. Ihre Kolleginnen ziehen als Hausfrauen in den Stadtrat ein. Für Katharina Meyer, die schon 1924 in den Mülheimer Stadtrat gewählt worden ist, ist es nicht die erste Wahlperiode als Kommunalpolitikerin.

Die fünf Frauen, die am 13. Oktober 1946 ins Stadtparlament gewählt werden, treten indirekt die Nachfolge der Lehrerin Maria Büssemeier und der Hausfrauen Katharina Havermann und Luise Blumberg an. Sie sind die ersten Mülheimer Stadträtinnen, die nach der Kommunalwahl vom 2. März 1919 für die katholische Zentrumspartei und die liberale Deutsche Volkspartei in das Mülheimer Stadtparlament einziehen. Auch in Mülheim ist die Wahl zur Weimarer Nationalversammlung am 19. Januar 1919 die erste Wahl, bei der Frauen das aktive und passive Wahlrecht ausüben können.

79 Prozent Wahlbeteiligung zeigen auch am 13. Oktober 1946 an, dass nicht alle Mülheimerinnen und Mülheimer von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Auch für die fünf neuen Stadträtinnen, die fraktionsübergreifend vor allem in den Ausschüssen für Soziales, Schule, Kultur, Gesundheit und Jugendhilfe mitarbeiten, gilt was der Christdemokrat Wilhelm Diederichs am 4. November 1946 in seiner Antrittsrede als Oberbürgermeister sagt:

„Viele 1000 Frauen, Männer und Kinder haben heute nicht das Nötigste. Angesichts dieser Not und der Verantwortung, die auf uns lastet, könnten wir mutlos werden, wenn wir nicht aus einer inneren Verpflichtung heraus handeln würden.“ 

Für die starken Frauen der frühen Jahre gilt 1919 wie 1946, was Mülheims Oberbürgermeister Paul Lembke im März 1919 mit Blick auf die ersten Stadträtinnen gesagt hat: „Sie sind uns eine wichtige Hilfe bei der Arbeit, die wir als Vertreter der Gesamtstadt hier zu leisten haben.“

 

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