„as Saan noch lang niet Großstadt wor“ Der Heimatdichter Heinrich Mühlsiepen

Einweihung Heinrich-Mühlsiepen-Park am 28. Aug. 2025, Foto: Helena Grebe, Fotoredaktion Stadt Mülheim
Einweihung Heinrich-Mühlsiepen-Park am 28. Aug. 2025, Foto: Helena Grebe, Fotoredaktion Stadt Mülheim

von F. Wilhelm von Gehlen

Heinrich Mühlsiepen, Foto: Stammtisch Aul Ssaan

Der Saarner Heimatdichter Heinrich Mühlsiepen (1836 – 1901) hat einige Berufe ausgeübt, bevor er sein  Talent für die Dichtkunst entdeckte.
Diese hat er sowohl in Deutsch als auch in „Saarns Platt“ mit bergischem Einschlag verfasst.

Einige sind im Podcast zu hören.

Handschrift von Heinrich Mühlsiepen, in „as Saaan noch lang niet Großstadt wor“, Leo Werry 1976.

Seit dem  28. August 2025 gibt es offiziell den Heinrich-Mühlsiepen-Park. Im Beisein des Oberbürgermeisters und zwei weiteren Mitgliedern des Verwaltungsvorstandes, einiger Mitglieder der Bezirksvertretung 3 mit der Bezirksbürgermeisterin, Frau Elke Oesterwind, Familienangehörigen von Heinrich Mühlsiepen und Mitgliedern des Stammtisches „Aul Ssaan“ fand die Namensfeier statt.

Der Ort ist gut gewählt: Heinrich Mühlsiepen hat sich hier  besonders für „sein Saarn“ eingebracht, nämlich zwischen dem Saarner Kloster mit der Kloster-Kirche sowie der Gaststätte Kellermann, Klostermarkt 3, in der einst der Saarner Gemeinderat tagte, dem er 18 Jahre lang angehörte.

Geboren wurde Heinrich Mühlsiepen am 19. September 1836 in Saarn; bei seinen Eltern wuchs er an der einstigen Düsseldorfer Chaussee, der heutigen Kölner Straße auf.

Die Schreinerwerkstatt

Nach seiner Heirat mit der Tochter des Saarner Zieglers Millendorf wohnte er nur wenige hundert Meter von seinem Elternhaus entfernt in dem Haus, das später als Kölner Str. 114 bestand und nach Umbau noch heute besteht. Der Ehe entstammten 9 Kinder. Angaben zu ihnen kann ich nicht machen.

Hier richtete er sich eine Schreinerwerkstatt ein, die später noch von seinem Enkel, dem Schreinermeister Heinrich Mühlsiepen, betrieben wurde… und heute im Freilichtmuseum in Hagen ausgestellt und zu besichtigen ist.

Die Gewehrfabrik

Bevor er jedoch den Schreinerberuf erlernte, war er in der Saarner Gewehrfabrik beschäftigt, die ja 1815 im Saarner Kloster eingerichtet worden war und bis zu ihrer Verlegung nach Erfurt im Jahre 1862 vielen Saarnern Beschäftigung und ein gutes Einkommen bot.

Für das Jahr seiner Geburt, 1836 also, wird von 380 Arbeitern berichtet, davon wären 160 jünger als 14 Jahre alt gewesen.

Damit stand zur damaligen Zeit beinahe jeder 5. Saarner bei der Gewehrfabrik in Lohn und Brot.

Hermann Adam von Kamp hat in seinen Aufzeichnungen im Buch „Alt-Mülheim um das Jahr 1835“ die Einwohnerzahl Saarns mit 1.900 angegeben, bei 239 Wohnungen.

Von Pfarrer Clemens Seyd, dem zweiten Pfarrer der 1844 selbständig gewordenen evangelischen Kirchengemeinde Saarn,  wird berichtet, er sei gar bis nach Berlin zu „Preußens Gloria“ gefahren, um sich für den weiteren Bestand der Gewehrfabrik in Saarn einzusetzen und den Erhalt der Fabrik in Saarn wegen der großen Zahl hiesiger Arbeitsplätze zu erbitten.

Erfolg hatte er in seinem Bemühen nicht. Preußen sah die recht nahe an der preußischen Westgrenze bestehende Gewehrfabrik einem möglichen Überfall der Franzosen ausgesetzt und wollte sie schützen.

Heinrich Mühlsiepen sollte auch nach Erfurt übersiedeln. Er entschied sich jedoch für einen Verbleib in der Heimat. Ihr fühlte er sich ihr sehr verbunden. Er blieb mit seiner Familie in Saarn. Hier eröffnete er dann seinen Schreinerbetrieb. Er erwarb sich einen guten Ruf und überzeugte als Spezialist für Sattelböcke und Pferdekummende.  

Der Kanonier und Büchsenmacher

Nach der Ableistung seiner Wehrpflicht als Fußartillerist in Wesel wurde er im sog. deutschen Krieg Jahr 1866 zum Kriegsdienst  eingezogen und kam als Kanonier mit seiner Truppe nach Dresden.

Am Tag seiner Heimreise veröffentlichte die Dresdner Zeitung ein vom ihm am 26. September 1866 verfasstes Gedicht „Abschied von Dresden“, das von den Dresdnern mit großem Erfolg aufgenommen wurde. Jedenfalls wird berichtet, dass zahlreiche Einheimische ihm zur Heimfahrt am Dresdner Bahnhof zugejubelt hätten.

Es wird vermutet, dass dieses Gedicht das erste gewesen sein soll, das er der Öffentlichkeit vorstellte. Der Erfolg habe ihm wohl Antrieb gegeben, sich mit weiteren Gedichten zu Saarn und anderen Dingen an die Öffentlichkeit zu wenden.

Und auch im deutsch-französischen Krieg 1870/71 hatte er seinen soldatischen Einsatz zu leisten, zunächst als Kanonier, später auch als Büchsenmacher.

Die Ziegelei

Als dann nach diesem Krieg infolge der wirtschaftlichen Probleme sein Schreinerbetrieb zunächst nicht so richtig „fluppte“, richtete er auf seinem Grundstück am südlichen Rand der Saarner Kuppe, etwa an der heutigen Straße Kleefeld im Übergang zur Friedrich-Freye-Straße, eine Ziegelei als Feldbrennerei ein. Hier brannte er Feldbrandsteine…

… und dies wohl so erfolgreich, dass er später bei der Erz-Zeche in Selbeck als Ziegelmeister eingestellt wurde. Hier hatte er die Steine zu fertigen, die zum Bau der Gebäude dieser Zeche benötigt wurden.

Wie lange er in Selbeck tätig war und wann er sich wieder seiner Schreinerei widmete, habe ich nicht ergründen können.

Überliefert ist hingegen sein Einsatz für das Gemeinwohl im Dorf Saarn.

Der Kirchenvorstand und Gemeinderat

Der ist bezeugt in seinem Engagement für seine katholische Kirchengemeinde, in der er über 12 Jahre dem Kirchenvorstand angehörte und in dieser Funktion ein überaus geachteter und vertrauenswürdiger Ratgeber gewesen sein soll.

Aber auch die Kommunalpolitik hat ihn sehr beschäftigt. So war er 18 Jahre lang Mitglied des Saarner Gemeinderat. Hier habe er sich für sein Saarn eingesetzt. Saarn bildete bekanntlich ab 1878 mit Broich und Speldorf die Bürgermeisterei Broich.

Die Saarner Interessen in dieser Bürgermeisterei vertraten zuletzt 15 Saarner, vielleicht war er einer von ihnen. Denn während welcher Zeit er dem Gemeinderat angehörte, ist nicht überliefert.

Bedingungen an die Stadt Mülheim 

Jedenfalls waren die Saarner so für ihr Saarn engagiert, dass sie sich in den Verhandlungen mit der Stadt Mülheim an der Ruhr zur Rückgemeindung in diese Stadt zum 01.01.1904 vier Dinge ausbedungen hatten:

  1. Wollten sie eine neue Brückenverbindung über die Ruhr, dies war ab 1906 die Kahlenberg-Brücke.
  2. Sie forderten eine Straßenbahnverbindung mit der Stadt. Diese wird 1911 eingerichtet, weil dazu erst die Kettenbrücke durch die neue Schloss-Brücke ersetzt werden musste.
  3. Eine neue Schule müsse Saarn erhalten. Sie wurde am Klostermarkt gebaut und am 11.September 1912 eingeweiht.
  4. Auch die Saarner Kirmes soll erhalten bleiben, was zwar zugesagt wurde, aber 2016 in Vergessenheit geraten war, als der Kirmes-Platz anderweitig genutzt werden musste. Ich sage scherzhaft, der damalige Vertrag muss in Sütterlin abgefasst worden sein. Das kann heute im Rathaus niemand mehr lesen. Jedenfalls ist die Saarner Kirmes in Saarn ab 2016 Geschichte – und sie wird wohl auch nicht mehr nach Saarn zurückkommen.

Den Zusammenschluss mit der Stadt Mülheim an der Ruhr zum 01.01.1904 erlebte er nicht mehr.

Heinrich Mühlsiepen starb am 22. Dezember 1901. Er fand auf dem katholischen Friedhof an der Landsberger Straße seine letzte Ruhestätte – an der Seite seiner im Jahr 1899 verstorbenen Ehefrau.

Auf den Grabstein hatte er zum Tode seiner Frau folgende Inschrift eintragen lassen:

Hier ruht die im Glück groß‘ Leiden traf,
die beste der Mütter den ewigen Schlaf.
Ihr ward‘ die Tugend der Sanftmut gegeben.
Sanft möge sie ruhen zum ewigen Leben.

Und für die Inschrift nach seinem Tod hat er den Text verfasst:

Armer Geist nach langer Qual
ruhe aus im Himmelssaal.
Denn der heil’ge Glaube spricht,
Barmherzigkeit besiegt’s Gericht.

Doch mit dem Verweis auf seinen Tod möchte ich meine Ausführungen zu Heinrich Mühlsiepen nicht beenden.

Der Heimatdichter

Heinrich Mühlsiepen hat eine Reihe von Gedichten geschrieben, in denen er sein Saarn beschreibt, zum Teil sehr humorvoll, zum Teil sehr geschichtsträchtig, aber immer mit einem Schmunzeln im Auge.

Denn er war auch in Saarn vielfältig anderweitig eingebunden, z.B. im „Klompe Klub te Saan“, einer karnevalistischen Vereinigung. Auch ließ er seine Stimme im Gesangverein „Konkordia“ erklingen.

Mit seinen dichterischen Werken geriet Heinrich Mühlsiepen in Vergessenheit, bis der 1927 gegründete Saarner Bürgerverein mit öffentlichen Veranstaltungen an ihn erinnerte und dabei seine Gedichte vorstellte. Im Jahr 1932 widmete ihm der Saarner Bürgerverein einen „Heinrich-Mühlsiepen-Abend“ im Saal des Stammhauses Rosendahl, Düsseldorfer Str. 41.

Hierzu ist noch eine Programmfolge überliefert und im 3. Saarn-Buch des Geschichts-Gesprächskreises veröffentlicht.

Zuvor soll es bereits ähnliche Veranstaltungen im Saal der Gaststätte von der Bey, Landsberger Str. 18, gegeben haben. Mit diesen Veranstaltungen wurde an ihn und seine Dichtkunst erinnert. Bei den Saarnerinnen und Saarnern kam dies gut an, aber leider nicht dauerhaft.

Denn nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem danach verfügten Verbot des Bürgervereins waren keine Fortsetzungen mehr möglich – bis der Stammtisch „Aul Ssaan“ im Vorjahr seinen „Heinrich-Mühlsiepen-Heimatabend“ ausrichtete.

„as Saan noch lang niet Großstadt wor“

Zuvor hat im Jahr 1976 der im Jahr 2008 verstorbene Saarner Verleger Leo Werry ein Büchlein „as Saan noch lang niet Großstadt wor“ herausgegeben.

In ihm hat Dr. Heinrich Küpper, ehemals Amtsgerichtsrat in Mülheim und Vorsitzender des Mülheimer Geschichtsverein, sein Wirken gewürdigt und sein Leben beschrieben.

Zudem enthält es zahlreiche der von Heinrich Mühlsiepen verfassten Gedichte. Ob die meisten oder gar alle, kann ich leider nicht sagen. Denn es gibt in seinen Hinterlassenschaften noch handgeschriebene Aufzeichnungen, die der Aufbereitung bedürfen.

Unserem Stammtisch-Bruder Franz Firla ist es gelungen, das auf der Rückseite dieser Schrift handschriftlich überlieferte, jedoch von ihm ohne Überschrift versehene Gedicht zu übertragen. Franz Firla hat ihm den Titel „Dä Zeitungsredaktör“ gegeben. In ihm geißelt Heinrich Mühlsiepen schon damals die Dinge, die in unserer Zeit als Fake-News beschrieben werden.

Der Saarner Geschichts-Gesprächskreis hat in unserer Zeit an Heinrich Mühlsiepen erinnert und ihn mit Beiträgen in drei seiner inzwischen fünf veröffentlichten Büchern gewürdigt.

Insbesondere die von seinem Ur-Enkel, dem am 03. Oktober 2025 verstorbenen Hans-Theo Horn, beschriebene und im Band drei der Schriftenreihe veröffentlichte Erinnerung an „Meinen Ur-Großvater, der Saarner Heimatdichter, Heinrich Mühlsiepen“ war für den Stammtisch „Aul Ssaan“ Veranlassung, den schon erwähnten Heinrich-Mühlsiepen-Heimatabend auszurichten und dabei 20 seiner Gedichte vorzutragen.

Hans-Theo Horn hat an diesem Abend noch einmal eine umfassende Würdigung seines Ur-Großvaters vorgenommen.

Dieser Beitrag bildete die Grundlage eines Vortrages, den ich am 09. Februar 2026 beim „Gemeindecafè“ der evangelischen Brückengemeinde im Gemeindehaus Saarn, Holunderstraße 5, gehalten und mit einigen Gedichten von Heinrich Mühlsiepen beendet habe.

 

Einweihung 28.8.2025, Foto: Gerd Schöneberg
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