von: Thomas Emons
Am 14. August 1949 sind 102.000 Menschen in Mülheim aufgerufen, den ersten Deutschen Bundestag zu wählen. Die westdeutsche Bundesrepublik, die im Mai ihr Grundgesetz bekommen hat, versteht sich als politisches Provisorium bis zur Wiedererlangung der Deutschen Einheit.
16 Jahre nach der letzten demokratischen Reichstagswahl, bei der die NSDAP mit 37,5 Prozent der Stimmen auch in Mülheim zur stärksten Partei geworden war, haben die Menschen in Mülheim die Wahl zwischen den Kandidaten der Sozialdemokraten, der Christdemokraten, der Freien Demokraten, der Kommunisten, des katholischen Zentrums und der konservativen Deutschen Reichspartei. Eine Bundestagskandidatin steht am 14. August 1949 nicht auf dem Mülheimer Wahlzettel.
Vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind Mülheims Straßen noch immer nicht trümmerfrei. Seit einem Jahr bezahlt man auch in Mülheim mit der neuen D-Mark, die die Reichsmark abgelöst hat. Der Wahlkampf wird damals mit begrenzten Mitteln geführt. Zeitungen, wie die SPD-nahe Neue Ruhrzeitung und die CDU-nahe Rheinische Posst, aber auch Plakate und Versammlungen sind für die Parteien das Mittel der Wahl im Kampf um die Gunst der Wählerinnen und Wähler.
Sozialdemokraten und Kommunisten setzen vor allem auf die Sozialisierung der Wirtschaft und auf das Thema Wiedervereinigung. Die Christdemokraten treten dagegen mit dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft und einer auf christlichen Werten basierenden Gesellschaftsordnung an. Die Freien Demokraten plädieren dagegen für eine freie Marktwirtschaft, für eine schnelle Wiedervereinigung und für eine gesellschaftliche Rehabilitierung ehemaliger Wehrmachtssoldaten und ehemaliger Mitglieder der NSDAP ein.
77 Prozent der Wahlberechtigten stimmen am 14. August 1949 in 97 Mülheimer Wahllokalen ab. Die Wählerinnen und Wähler haben bei der ersten Bundestagswahl nur eine Stimme. Die Möglichkeit einer Briefwahl gibt es noch nicht. Um 22 Uhr steht das Wahlergebnis fest. Mit 34,9 Prozent der Stimmen wird der sozialdemokratische Stadtverordnete und Lokalredakteur Otto Striebeck in den ersten deutschen Bundestag gewählt. Auf Platz 2 der Wählergunst landet mit 28,2 Prozent der Stimmen der Christdemokrat Heinz Langner. Platz 3 erringt der FDP-Partei- und Fraktionsvorsitzende Wilhelm Dörnhaus. 10,1 Prozent der Wahlberechtigten entscheiden sich für den kommunistischen Betriebsratsvorsitzenden des Speldorfer Eisenbahnausbesserungs-werkes, Fritz Müllerstein. Der Rechtsanwalt Günther Kujath erringt als Kandidat der nationalkonservativen Deutschen Reichspartei 7,1 Prozent der Stimmen, während sich 3,2 Prozent der Wählerinnen und Wähler am 14. August 1949 für den Kandidaten der katholischen Zentrumspartei, Josef Hanbrück entscheiden.
