von: Thomas Emons
Der 4. April 1926 ist ein Ostersonntag. An diesem Tag stirbt der Mülheimer Ehrenbürger August Thyssen um 9.15 Uhr auf Schloss Landsberg, das er 1903 als Wohnsitz erworben hat. Der Industrielle, der 55 Jahre zuvor auf einem vormaligen Bauernhof in Styrum sein erstes Stahlwerk in Betrieb genommen hat, wird 84 Jahre alt. Er stirbt nach zwei Augenoperationen, bei denen er ein Auge verloren hat.
In der 1911 bezogenen Firmenzentrale an der Wiesenstraße, die wir seit 2005 als Haus der Mülheimer Wirtschaft kennen, treten die leitenden Mitarbeiter zusammen, um über die Beisetzung Thyssens zu beraten. Sie erfolgt vier Tage nach seinem Tod auf dem Friedhof der katholischen Kirchengemeinde Kettwig. 1928 werden seine sterblichen Überreste ins Schloss Landsberg überführt und in einem Mausoleum beigesetzt. Dort werden auch Thyssens Söhne Fritz und Heinrich ihre letzte Ruhestätte finden. Seit 1922 trägt die zum Schloss Landsberg führende Straße seinen Namen. Heute wird August Thyssens letzter Wohnsitz als Tagungshaus genutzt.
Mit dem Segen seines Vaters bringt Fritz Thyssen seinen Teil des Konzerns, der 1926 rund 65.000 Menschen beschäftigt, in die Vereinigten Stahlwerke ein und übernimmt deren Aufsichtsratsvorsitz. In August Thyssens Todesjahr wird der Wert seines internationalen Konzerns, der sein Geld mit Kohle, Stahl, Energie, Wasser, Schachtbau und Maschinenbau verdient, auf 400 Millionen Reichsmark geschätzt.
Die damals rund 127.000 Menschen in Mülheim, von denen 1926 rund 5000 bei Thyssen und Co arbeiten, wissen, was sie dem Verstorbenen zu verdanken haben. Neben seinem 1924 verstorbenen Industriellenkollegen Hugo Stinnes gehörte August Thyssen bis 1918 dem Stadtrat an. 1912 wurde ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt Müllheim zuteil. Das Unternehmen war zu dieser Zeit der größte Steuerzahler der Stadt. Auch in gesellschaftlicher und sozialer Hinsicht war August Thyssen, teilweise durch seine Stiftung, aktiv. Unter anderem war er beteiligt bei:
- dem 1887 eröffneten St. Marien-Hospital,
- dem 1898 gegründeten Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk,
- dem im gleichen Jahr gegründete Mülheimer Bergwerksverein,
- der 1894 in Styrum eingeweihten Kirche St. Mariae Rosenkranz,
- dem 1899 begonnenen Bau der Colonie Wiesche,
- dem 1911 begonnenen Bau von 128 Werkswohnungen an der Moritzstraße,
- dem 1912 eröffneten Stadtbad an der Ruhr,
- dem 1912 gegründeten Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft
- und dem postum 1927 eröffneten Franziskushaus im Luisental
Lange bevor er selbst zum Schlossherrn wird, kauft er 1890 das Schloss Styrum als Wohnquartier für seine Direktoren. Den 1892 im Styrumer Schlosspark errichteten Wasserwerksturm, kennen wir seit der Landesgartenschau MüGa 1992 als Wassermuseum der RWW.
1922 nennt der geschiedene Katholik Thyssen im Rückblick auf sein Lebenswerk in der Mülheimer Zeitung folgende für ihn bestimmenden Tugenden:
„Arbeit, Sparsamkeit, Familiensinn und die Reinvestition von Gewinnen.“ Dem entsprechend wünscht er seinen Landsleuten: „Zusammenhalt, tüchtige Arbeiter und tüchtige Führer“, um sich von den politischen und wirtschaftlichen Folgen des für Deutschland verlorenen Ersten Weltkrieges zu erholen. „Dabei“, so betont Thyssen damals, „ist es einerlei, ob wir in einer monarchischen oder in einer republikanischen und demokratischen Verfassung leben.“
In ihrem Nachruf auf August Thyssen würdigt die Mülheimer Zeitung den Unternehmer und Ehrenbürger als: „
einen fleißigen Arbeiter von großer Schlichtheit, tiefem Arbeitsernst, Seelengröße und großer wirtschaftlicher Vorausschau.“
