von: Thomas Emons
Gustav Hanau war um 1900 der prominenteste jüdische Mülheimer in einer Zeit, in der die Jüdische Gemeinde Mülheims mehr als 700 Mitglieder zählte und deren Synagoge am Notweg, der heutigen Friedrich-Ebert-Straße stand, war Hanau ab 1855 für mehr als 35 Jahre Mitglied des Gemeindevorstandes. Wie die meisten jüdischen Mülheimer lebte Hanau in der Stadtmitte, zunächst an der Kettenbrückenstraße, die wir heute als Teil der Leineweberstraße kennen, dann an der Ruhrstraße und ab 1872 (in einer Villa) an der Eppinghofer Straße.
Sein Lebensweg vom Lotterieeinnehmer zum Bankier und Rennpferdebesitzer liest sich wie ein Roman.
Als Leo Hanau am 15. Mai 1818 in Mülheim geboren wurde, lag die rechtliche Gleichstellung der Juden in Preußen erst sechs Jahre zurück. Nachdem sein Vater, der Fabrikant Isaak Leo Hanau 1833 verstarb, musste sein Sohn den Unterhalt der Familie verdienen. Er begann sein Berufsleben als Lotterieeinnehmer, erweiterte seine selbstständige Tätigkeit schon bald um Versicherung- und Bankgeschäfte. Damit trat er in die beruflichen Fußstapfen seines Großvaters Samuel Gombel, der als Broicher Hofbankier 1780 den Bau der ersten Mülheimer Ruhrschleuse mitfinanziert hatte. 1847, in dem Jahr, in dem er seine Frau Nanni Herz heiratete, mit der er drei Kinder hatte, wurde Hanau als erster Mülheimer Jude in den Stadtrat gewählt, wo er sich unter anderem für den Ausbau und den Eisenbahnanschluss Mülheims und für ein interkonfessionelle Schulwesen starkmachte. Dem Stadtparlament, das ab 1850 nach dem preußischen Dreiklassenwahlrecht gewählt wurde, sollte Hanau mit kurzer Unterbrechung bis kurz vor seinem Tod am 10. Dezember 1902 angehören. Damals besaßen nur Männer das passive und aktive Wahlrecht, wo das Gewicht ihrer Stimme von ihrem Steueraufkommen abhing. Es spricht für den wirtschaftlichen Erfolg Hanaus, dass er als bedeutender Steuerzahler der ersten Wählerklasse angehörte und 1878 erstmals zum Präsidenten der 1840 gegründeten Mülheimer Handelskammer gewählt wurde.
Die Gründung des Deutschen Kaiserreiches, infolge des militärischen Sieges der deutschen Staaten über Frankreich, löste einen Gründerboom aus, von dem auch der Bankier Gustav Hanau und sein 1870 an der Bahnstraße eröffnetes Bankhaus profitieren konnten. Im Bankhaus Hanau, das ab 1897 als Rheinische Bank AG fortgeführt wurde und später in der Deutschen Bank aufgehen sollte, residiert heute die Wohnungsbaugesellschaft SWB. Als Bankier in der Zeit der Hochindustrialisierung pflegte Hanau enge Geschäftsbeziehungen mit den Mülheimer Industriellen August Thyssen und Hugo Stinnes. Sein Sohn und Nachfolger Leo Hanau gründete mit Thyssen und Stinnes 1898 den Mülheimer Bergwerksverein, der auf seinen Zechen damals rund 3000 Bergleute beschäftigte und ab 1899 die Colonie Wiesche errichtete, die wir heute als Mausegattsiedlung kennen.
Dass Gustav Hanau, 1872 und 1897, zwei wohltätige Stiftungen ins Leben rief, weist ihn als sozial engagierten Bürger und Mäzen aus. Dass sein gesellschaftliches Engagement, trotz eines auch damals schon vorhandenen Antisemitismus, öffentlich anerkannt und gewürdigt wurde, zeigt sein Spitzname „König Gustav“ und ein Nachruf auf ihn, in dem es unter anderem heißt:
„Weit über die Kreise Mülheims hinaus wirkte seine unermüdliche Kraft zum Wohle der Stadt und des Staates und zur Förderung der besonderen Interessen des Industriegebietes.“
Seine letzte Ruhe hat Gustav Hanau auf dem 1725 angelegten Jüdischen Friedhof an der Gracht gefunden, der, wie durch ein Wunder, inklusive seiner Grabstätte, die Jahre des Nationalsozialismus und des Holocaust überstanden hat.
