von: Beate Fischer
Das 25-jährige Jubiläum des Mülheimer Wirte-Vereins im Jahr 1905
Das 25-jährige Jubiläum des Mülheimer Wirte-Vereins im Jahr 1905 war weit mehr als ein Vereinsfest. Die Berichterstattung in den Vaterstädtischen Blättern vermittelt einen anschaulichen Eindruck vom Vereinsleben und von der Bedeutung der Gastwirtschaften für das gesellschaftliche Leben im Mülheim der Kaiserzeit. Gleichzeitig eröffnet sie einen Blick auf einen Berufsstand, der das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Stadt über viele Jahrzehnte mitprägte.
Die Vaterstädtischen Blätter berichteten ausführlich über die Ferlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen des Mülheimer Wirte-Vereins. Der Beitrag vermittelt einen anschaulichen Einblick in das Vereinsleben und die Bedeutung der Gastwirtschaften im Mülheim der Kaiserzeit.
Mülheim im Aufbruch
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand sich Mülheim an der Ruhr in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Industrie und Handel bestimmten die Entwicklung der Stadt, neue Wohngebiete entstanden, und mit dem Wachstum Mülheims gewann auch das Vereinswesen zunehmend an Bedeutung. Vereine boten Gemeinschaft, vertraten berufliche Interessen und übernahmen Verantwortung für das öffentliche Leben.
Zu diesen Vereinigungen gehörte auch der Mülheimer Wirte-Verein, der 1880 gegründet worden war. Sein Ziel bestand darin, die Interessen der Gastwirte zu vertreten, den kollegialen Austausch zu fördern und gegenüber Behörden und Verbänden mit einer gemeinsamen Stimme aufzutreten.
Gastwirte – Unternehmer und Gastgeber
Der Historiker Bernd Brinkmann beschreibt in seiner Untersuchung über das Mülheimer Brauwesen, dass viele Gastwirte jener Zeit zugleich Bier brauten oder eng mit dem Braugewerbe verbunden waren. Gastwirtschaft und Brauerei gingen häufig Hand in Hand. Erst mit der Industrialisierung des Brauwesens verschwanden nach und nach die zahlreichen kleineren Haus- und Gaststättenbrauereien.
Die Mitglieder des Wirte-Vereins waren nicht nur Gastgeber. Viele führten zugleich eine Brauerei oder standen in enger Verbindung zum Braugewerbe und prägten damit auch das wirtschaftliche Leben der Stadt.
Wussten Sie schon?
Um 1900 war die Grenze zwischen Gastwirtschaft und Brauerei oft fließend. Viele Mülheimer Wirte brauten ihr Bier selbst oder bezogen es aus einer eigenen Brauerei. Bernd Brinkmann weist darauf hin, dass Ende des 19. Jahrhunderts in Mülheim mehr als 30 Brauereien bestanden, viele davon in enger Verbindung mit Gastwirtschaften.
Festtage im Mai 1905
Die Jubiläumsfeierlichkeiten begannen am 23. Mai 1905 mit einem Festkommers im Saal Zum Stockfisch in Broich. Am folgenden Tag fand die Hauptfeier im festlich geschmückten Saal Kirchholtes statt.
Der Zeitungsbericht schildert ein abwechslungsreiches Festprogramm mit Musikvorträgen, Festreden, Ehrungen und der feierlichen Weihe eines neuen Vereinsbanners. Den Abschluss bildete das Festspiel „Der Triumphzug des Weines“, an dem sich zahlreiche Mitwirkende beteiligten.
Die zeitgenössische Berichterstattung macht zugleich deutlich, dass die Feier weit über den Verein hinaus Beachtung fand. Vertreter des Deutschen Gastwirteverbandes, der Stadtverwaltung und zahlreiche Ehrengäste nahmen teil. Auch Oberbürgermeister Dr. Lembke gehörte zu den Gratulanten und würdigte die Arbeit des Vereins.
Der Zeitungsbericht erwähnt außerdem ein Damenkomitee. Auch an den Feierlichkeiten selbst nahmen Damen teil und wirkten am Festprogramm mit. Die offiziellen Vereinsämter waren zwar nahezu ausschließlich Männern vorbehalten, die Jubiläumsfeier war jedoch keine reine Herrenveranstaltung.
Die Männer der ersten Stunde
Ein Höhepunkt der Feier war die Ehrung der noch lebenden Gründungsmitglieder. Genannt werden im Zeitungsbericht unter anderem Wilhelm Kirchholtes, Heinrich Northeuer, Wilhelm Schürmann, Gerhard Loh, Fritz Becker, Wilhelm Hüppe, Fritz Spieker, Wilhelm Kammann und Hermann Georgi.
Mit ihrer Ehrung erinnerte der Verein an jene Männer, die den Zusammenschluss bereits 1880 gegründet und über ein Vierteljahrhundert begleitet hatten. Viele ihrer Namen waren den Mülheimerinnen und Mülheimern bekannt und standen zugleich für traditionsreiche Gastwirtschaften.
Gaststätten als gesellschaftliche Zentren
Gastwirtschaften erfüllten um 1900 Aufgaben, die heute auf unterschiedliche Einrichtungen verteilt sind. In ihren Sälen tagten Vereine, fanden Konzerte, Theateraufführungen und Vorträge statt, wurden Familienfeiern ausgerichtet und öffentliche Versammlungen abgehalten.
Der Zeitungsbericht macht deutlich, welche Bedeutung Häuser wie Zum Stockfisch oder Kirchholtes für das gesellschaftliche Leben besaßen. Sie waren Orte der Begegnung und des Austauschs und gehörten zu den wichtigsten Veranstaltungsorten der Stadt.
„Zum Wohle des Standes und der Stadt“
Der Mülheimer Wirte-Verein verstand sich nicht allein als berufliche Interessenvertretung. Die Vaterstädtischen Blätter berichten ausdrücklich über die regelmäßigen Weihnachtsbescherungen für bedürftige Kinder, die der Verein organisierte. Dieses soziale Engagement gehörte zu seinem Selbstverständnis.
„Unser Verein hat in den 25 Jahren seines Bestehens manches Gute gestiftet. Möge er in gleicher Weise fortbestehen und weiterhin zum Wohle des Standes und der Stadt wirken.“ Wilhelm Vogelpoth, Festrede zum 25-jährigen Jubiläum des Mülheimer Wirte-Vereins, 1905
Die Worte Vogelpoths verbinden den Rückblick auf die ersten 25 Jahre des Vereins mit dem Wunsch, auch künftig Verantwortung für den Berufsstand und die Stadtgemeinschaft zu übernehmen.
Ein Blick zurück
Zum Abschluss ihrer Berichterstattung schrieben die Vaterstädtischen Blätter, das Jubiläumsfest werde „in der Geschichte des Mülheimer Wirtevereins einer der schönsten Glanzpunkte sein und bleiben“.
Mehr als 120 Jahre später vermittelt die Berichterstattung einen anschaulichen Einblick in das Mülheimer Vereinsleben zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie erinnert daran, welche Bedeutung Gastwirtschaften als Orte der Begegnung besaßen und welchen Beitrag Vereine zum gesellschaftlichen Leben der Stadt leisteten.
Quellen und Literatur
- Zeitgenössische Quelle
- Vaterstädtische Blätter, Nr. 10, Juni1905: „Jubiläum des Mülheimer Wirte-Vereins“.
- Bernd Brinkmann: Mülheimer Brauereien. Geschichte des Brauwesens in Mülheim an der Ruhr. In: Zeitschrift des Geschichtsvereins Mülheim an der Ruhr, Heft 81, 2008.
