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Der Mülheimer Kirchenhügel

Kirchenhügel, Quelle: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr

Von: Erich Bocklenberg

Mülheims mittelalterliche Keimzelle

Landauf landab finden wir in mancher Ortschaft einen „Kirchenhügel“ als besondere geografische Bezeichnung, meist nur als punktuellen Hinweis auf die erhöhte Lage einer Kapelle oder Pfarrkirche. Auch Mülheims Nachbarort Kettwig hat einen Kirchenhügel vorzuweisen. Die Mülheimer sehen in „ihrem“ Kirchenhügel jedoch mehr als nur den Ort der beiden Hauptkirchen, der evangelischen Petrikirche und der katholischen Kirche St. Mariae Geburt. Für die Bewohner umfasst der Kirchenhügel die Altstadt Mülheims und ist historischer Ausgangspunkt der Besiedlung, die mittelalterliche Keimzelle, aus der sich Mülheim erst als Dorf, später als Stadt entwickelte. Hier findet man das letzte Stück kleinstädtischer Altstadtatmosphäre, in der die dörfliche Herkunft Mülheims noch spürbar ist und mit dem sich die Ortsgeschichte in besonderem Maße verbindet. Auch die jüngere städtebauliche Entwicklung zur Großstadt lässt sich bis in die heutigen Tage in diesem Stadtbereich nachvollziehen.

Vermutlich war eine Kirche nicht das erste und nicht das einzige Gebäude, das am Anfang der Besiedlung auf und um den Mülheimer Kirchenhügel errichtet wurde. Offenbar entstand im frühen Mittelalter zunächst auf einer Anhöhe in der östlichen Niederterrasse der Ruhr, unweit der Burg Broich, ein Herrensitz zur zusätzlichen Absicherung der nahegelegenen Furt über die Ruhr. Namentlich werden seine Eigentümer, die Herren von Mulenheim, – Conradus und seine Brüder Weldgerus und Lambertus de Mulenheim – erstmals im Jahre 1093 anlässlich eines in Mülheim stattfindenden Grafengerichts erwähnt. Die Heimatforscher gehen heute davon aus, dass der Herrensitz eine Eigenkirche besaß, aus der die Petrikirche hervorgegangen ist.
Der älteste nachweisbare Bau war eine zweischiffige, romanische Saalkirche (um 1200), deren Fundamente bei Umbauarbeiten 1870 entdeckt wurden. Damals, am Anfang des 13. Jahrhunderts, befand sich dieser Bereich im Besitz des Grafen von Altena-Isenberg, der hier über zwei Güter, den „alten Hof“ und dem „Mauer-Guth“(Maurenhof) verfügte.

Allmählich wuchs eine dörfliche Siedlung um diese beiden alten Höfe mit ihrer Kirche heran. 1252 erhielt Mülheim Marktrecht, ein Datum, das mit der Errichtung der ersten beiden Geschosse des erst später an die Kirche angefügten Westturms aus Kohlensandstein in Verbindung gebracht wird. Für den Bau des Turms, der noch bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht kirchlicher, sondern kommunaler Besitz war, gab es auch weltliche Gründe. Die massiven Wände weisen auf seine Wehrhaftigkeit hin. Es war damals weit verbreitet, solche Türme als Schutzbauwerke auszuführen, in der die Dorfbewohner im Falle einer Bedrohung Zuflucht finden konnten. Inwieweit der Ort selbst durch weitere Befestigung geschützt war, ist unklar. 1442 ordnete der Herzog von Kleve an, den Kirchenhügel in einen verteidigungsfähigen Zustand zu versetzen. Der Bereich um die Petrikirche wurde mehrfach belagert und geplündert. Um 1600 war Mülheim wiederholt Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Spaniern und Niederländern. Frühere Bezeichnungen von Straßen und Gassen im Umfeld des Kirchenhügels, wie „Notweg“, „Schänzchen“ oder „Hölle“, werden auf diese Zeiten zurückgeführt. Auch die noch erhaltenen, massiven Bogenkonstruktionen aus Ruhrsandstein als Teil der mächtigen Bruchsteineinfassung des Kirchenhügels, die den Hang zur Bachstraße stützen, lassen an Burg- oder Stadtmauern denken.

Die Petrikirche

Die ursprünglich einfache, romanische Landkirche wandelte sich durch schrittweisen Ausbau zur spätgotischen Hallenkirche und wurde so zum Mittelpunkt des „Kirchspiels Mülheim“. Aus dem Zentrum des Ortes führten die Wege strahlenförmig ins Umland, nicht nur über die Ruhr zum Schloß Broich und Richtung Duisburg, sondern auch nach Kettwig, Werden, Essen oder über Styrum nach Alstaden. Die Kirche wurde auch von den Bewohnern der umliegenden Bauernschaften aufgesucht.

Im 14. Jahrhundert wurde der Turm um ein Glockengeschoß aufgestockt, im 15. Jahrhundert u.a. der Chorraum der Kirche verlängert und mit einer fünfseitigen Apsis versehen. Zusätzliche Erweiterungen – insbesondere durch ein südliches Seitenschiff, laut einer Inschrift im Jahr 1521 entstanden – folgten im Laufe des 16. Jahrhunderts.

Wohl schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts hatte sich die Mülheimer Gemeinde – den Broicher Grafen als Landesherren folgend – dem reformierten Glauben angeschlossen. Ein in der Halle des Turms eingemauerter, geheimnisvoller Inschriftstein aus dem Jahre 1555 wird gelegentlich als Hinweis auf das Übertrittsdatum zum evangelischen Glauben angesehen. Endgültig deutlich wird der Vollzug der Reformation allerdings erst durch die Teilnahme des Mülheimer Pastors Johannes Schöltgen an der Bergischen Synode im Jahre 1591.

Auf dem Kirchenhügel fand später auch der rheinische Pietismus seine Wurzeln. Seit 1838 erinnert ein Gedenkstein auf der Nordseite der Petrikirche an Gerhard Tersteegen, der seit 1712 in Mülheim lebte und bis zu seinem Tod 1769 hier als Prediger wirkte. Sein in der Nähe der Petrikirche gelegenes, späteres Wohnhaus, das er 1746 bezog, beherbergt heute das Heimatmuseum der Stadt Mülheim.

Ein paar Schritte weiter, in der Kettwiger Straße, lag das Geburtshaus von Arnold Kortum, der hier 1745 als Sohn eines Apothekers das Licht der Welt erblickte. Sein Elternhaus ist zwar nicht mehr erhalten, aber heute erinnert wieder ein Brunnen mit einem Standbild der wohl bekanntesten literarischen Figur Kortums, dem „verbummelten Theologiestudenten“ Hieronimus Jobs, an die Dichtkunst dieses bemerkenswerten Arztes und Schriftstellers. 2006 wurde der im Zweiten Weltkrieg zerstörte Brunnen des Künstlers Carl Ehlers aus dem Jahre 1939 mit großer Unterstützung aus der Mülheimer Bürgerschaft in der Nähe seines ursprünglichen Standortes neben der Petrikirche rekonstruiert. Die Jobsiade ist Kortums bekanntestes Werk, das in viele Sprachen übersetzt und unter anderem auch von Wilhelm Busch bebildert wurde.

Wenden wir uns noch einmal der Petrikirche zu. 1870/71 mussten die Mittel- und Seitenschiffe der Kirche von Grund auf erneuert werden. Von der mittelalterlichen Kirche blieben nur Teile des Westturms und die spätgotischen Chorjoche mit der Apsis erhalten. Die Kirche erhielt so ein neugotisches Erscheinungsbild.

1912/14 wurde das Innere der Kirche umfassend restauriert und mit aufwendigen Wandmalereien versehen. Im Zweiten Weltkrieg führten Bomberangriffe auf Mülheim am 22. und 23. Juni 1943 zur Zerstörung von Turmhelm, Dächern und Zwischendecken und beschädigten die Grundmauern stark. Aber nicht nur die Kirche traf es schwer, auch die typische enge Kirchenumbauung mit verschieferten Fachwerkbauten sank bis auf wenige Reste in Schutt und Asche.

Der Wiederaufbau durch den Architekten Denis Boniver zog sich von 1949 bis 1958 hin und veränderte das Aussehen der Kirche erneut erheblich. Anstelle eines bislang mit Quergiebeln gegliederten Daches erhielt das Kirchenschiff ein schlichtes, großes Satteldach. Auch das Innere erschien nun in schlichtem Gewand. Die Evangelische Altstadtgemeinde hat in mehreren Renovierungsschritten erhebliche Anstrengungen unternommen, die erlittenen Einbußen auszugleichen. Zur sehenswerten Ausstattung gehören heute z.B. neben den Bronzereliefs der Portaltüren am Turm mit Szenen aus dem Leben des Heiligen Petrus der Bildhauerin Rika Unger von 1959/60 vor allem die Buntglasfenster des Mülheimer Bildhauers Ernst Rasche, der bis in die jüngste Zeit auch weitere Ausstattungsobjekte für diese Kirche entworfen hat.

Katholisches Leben auf dem Kirchenhügel

Im Anschluss an die Reformation fanden die wenigen verbliebenen Katholiken jahrhundertelang weder eine Kirche noch eine seelsorgerische Betreuung in Mülheim. Erst im Jahr 1755 wurde es durch eine Schenkung des katholischen Grafen Karl August zu Limburg, Bronkhorst und Styrum möglich, im Maurenhof auf dem Kirchenhügel eine katholische Missionsstelle einzurichten. Auf diesem Grundstück nahm man 1781 den Bau einer Kirche in Angriff, die 1786 geweiht werden konnte. Es war zunächst nur eine kleine Kapelle, die der 1790 zur Pfarrei St. Marien erhobenen katholischen Kirchengemeinde zur Verfügung stand. Mit dem einsetzenden Anstieg der Bevölkerungszahl wuchs auch die Zahl der Katholiken in Mülheim, und 1856 begann man mit der Errichtung einer neuen Kirche nach Plänen des Kölner Diözesanbaumeisters Vinzenz Statz. Der Bau einer dreischiffigen „Pseudobasilika“ im neugotischen Stil zog sich über viele Jahre dahin. Erst 1872 wurde die Kirche konsekriert. Es war aber schnell erkennbar, dass die innerstädtische Pfarre trotz weiterer Gemeindeteilungen immer mehr Gläubige zu versorgen hatte, für die der Kirchenbau viel zu klein bemessen war.
Schon kurz nach 1900 begann daher die Kirchengemeinde St. Marien mit den Vorbereitungen für eine Erweiterung der Kirche. Doch erst 1927 kam es zum Entschluss, an alter Stelle eine neue Kirche zu errichten. Die Gemeinde entschied sich für die Pläne des Düsseldorfer Architekten und Akademieprofessors Emil Fahrenkamp. Sie sahen einen modernen, sachlichen, nichtsdestoweniger erhaben-monumentalen Kirchenbau vor: eine dreischiffige Basilika mit seitlich angeordnetem Turm, bestehend aus einer Komposition geradliniger Gebäudekuben. Fahrenkamp verstand es, mit sparsamsten Mitteln – die auffälligsten Gliederungen stellen die mächtigen Rundbögen des Portals und der Fenster von Kirchenschiff und Turm dar – eine neue, eindrucksvolle, sakrale Architektur zu schaffen, die sich grundlegend von den bislang üblichen, meist im neugotischen Baustil ausgeführten Kirchenbauten unterschied. Fahrenkamps Planung war schon damals aufsehenerregend. Als zu Ostern 1929 nach einer Bauzeit von nur 10 Monaten die Kirche St. Mariae Geburt geweiht werden konnte, war nicht nur eine der ersten und bedeutendsten Kirchenbauten der Moderne im Rheinland, sondern auch ein neues Wahrzeichen auf dem Kirchenhügel entstanden.

Auch die Marienkirche wurde von den Bombenangriffen des zweiten Weltkriegs schwer getroffen. Der Wiederaufbau erfolgte rasch. Schon 1948 konnten wieder Gottesdienste in der Kirche abgehalten werden. Lange Jahre brauchte es jedoch, um auch dem Innenraum wieder zu einer der Architektur angemessenen Gestaltung zu verhelfen. Abgesehen von der Farbverglasung der Fenster durch den Krefelder Künstler Hubert Spierling prägen die großen Arbeiten von Ernst Rasche, ein Kreuzwegrelief unter der Orgelempore von 1962 und die Chorwandgestaltung von 1988, heute das Kircheninnere.

Der Altenhof

Markiert die Marienkirche heute in etwa die Lage des ehemaligen Maurenhofes, so erinnert die östlich angrenzende, ebenfalls auffällige Gebäudegruppe des ehemaligen evangelischen Gemeindehauses an den oben schon erwähnten Altenhof. Das Haus mit seiner markanten Natursteinfassade besetzt nicht nur seine ungefähre Lage, sondern hat auch den Namen des Altenhofes angenommen. Der „Alte Hof“ gehörte als Freihof, ein abgabenfreier Hof meist im Besitz eines Adligen, ebenfalls über Jahrhunderte zum Besitz der Styrumer Grafen, war ab 1811 zeitweilig Wohnsitz von Hermann Voster, dem ersten „Munizipaldirektor“ (Stadtdirektor) der jungen Stadt Mülheim. Er bestand noch bis ins 20. Jahrhundert, bis das Grundstück von der evangelischen Kirchengemeinde zur Errichtung eines Gemeindezentrums erworben wurde. Das Architekturbüro Pfeifer und Großmann, mittlerweile in Mülheim durch Großbauten wie Rathaus und Stadthalle hervorgetreten, reagierte auf den Bau der benachbarten Marienkirche mit einem ebenfalls selbstbewusst modernen Entwurf, ohne in direkte städtebauliche Konkurrenz zu treten.

Das am 30.März 1930 eingeweihte Haus mit seinen Sälen war in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, bevor die zerstörte Stadthalle wiederaufgebaut werden konnte, zeitweilig ein wichtiger Veranstaltungsort für alle Bürger Mülheims. Nach der Übernahme des Gebäudes durch den Gesamtverband der evangelischen Kirche wurde in den Jahren 1986/87 eine grundlegende Gebäudeinstandsetzung durchgeführt. Eine erneute Renovierung des Gebäudes für die vom Gesamtverband unterhaltenen bzw. unterstützten Einrichtungen erfolgte ab dem Jahre 2005.

Der Kirchenhügel seit dem 19. Jahrhundert

Zunächst langsam, zum Ende des 18. Jahrhunderts durch den wirtschaftlichen Aufschwung der Ruhrschifffahrt, des Kohlenhandels aber auch anderer Wirtschaftszweige wie Tuch- und Lederherstellung rascher anwachsend, hatte Mülheim zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Bedeutung und Größe erreicht – 1809 zählte man 11.949 Einwohner –, die der damaligen französisch-napoleonischen Besatzungsregierung Anlaß gab, dem Ort Stadtrecht zu verleihen. Im Jahre 1808 wurde Mülheim zur „Munizipalität“ im Department Rhein erhoben.
Auf dem Kirchenhügel zeigte sich eine der Folgen der neuen Verhältnisse sehr konkret: Eine der napoleonischen Anordnungen war ein Erlass über das Begräbniswesen aus dem Jahre 1804, durch den eine Bestattung innerhalb von Städten aus hygienischen Gründen verboten wurde. So musste die Gemeinde den Kirchhof an der Petrikirche aufgeben, auf dem nahezu 800 Jahre lang die Begräbnisse stattgefunden hatten. Im November 1812 wurde die erste Bestattung auf dem neu angelegten kommunalen Friedhof am damals unbebauten Südrand des Kirchenhügels durchgeführt.

Noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Bebauung der Stadt konzentrisch mit verwinkelten Straßen und Gassen um den Kirchenhügel.  Die Petrikirche selbst war von einem Kranz von Fachwerkhäusern umgeben, auch der alte Marktplatz lag nahebei. Von dem Plateau der Petrikirche führte eine große Treppenanlage hinunter zur Bachstraße und westlich hinab zu den Ufern der Ruhr über die Delle, die man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Hauptstraße Mülheims bezeichnen konnte. Östlich wurde die Bebauung durch einen großen Mühlteich begrenzt, den man erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für den Bau des Kaiserplatzes zuschüttete. Nördlich verlief der Rumbach noch offen durch den Ort. Zu den vorhandenen, oft verschieferten Fachwerkbauten bergischer Prägung – ein typisches Ensemble dieser Bauten ist an der Bogenstraße im unmittelbaren Umfeld der Petrikirche erhalten – gesellten sich zunehmend massive Häuser in Backstein und Putz. Vereinzelt gibt es heute noch wie zu jenen Tagen auf dem Kirchenhügel dicht überbaute Grundstücke mit schmalen Durchgängen zu beengten Hinterhäusern, typische Wohnstätten der einfachen Bürger, oft Schiffer und andere Tagelöhner. In Richtung Nordwesten, zu den Kohlenlagerplätzen an der Ruhr hin, verdichtete sich die Bebauung ebenfalls.

Für die Ausbreitung wichtiger Verwaltungs- und Versorgungseinrichtungen der Bürgerschaft fehlte bald der Platz im alten Ortskern. Außerdem stieg die Zahl der Bewohner immer weiter an. Im Hinblick auf den Bau einer festen Brücke über die Ruhr (1844) und auf Überlegungen zur Anlage eines Ruhrhafens wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nordwestlich der Altstadt auf kaum bebautem Gelände mit der Errichtung eines neuen Rathauses (1842) und eines größeren Marktplatzes den Anstoß für die Verlagerung des Besiedlungsschwerpunktes gegeben.

Trotzdem blieb der Kirchenhügel für wichtige öffentliche und soziale Einrichtungen ein bevorzugter Standort. Zu diesen Einrichtungen zählt z.B. die um 1860 errichtete evangelische Volksschule an der Kettwiger Straße (früher Rahmenstraße), der älteste größere, spätklassizistische Schulbau Mülheims, der noch erhalten ist, aber auch die 1858 etwas entfernter an der Schulstraße errichtete Realschule, das spätere Realgymnasium, deren Gebäude nicht mehr existiert. Erhalten blieb hingegen das Gebäude des ehemaligen städtischen Waisenhauses neben der alten Volksschule an der Kettwiger Straße. Sein Bau wurde 1861 beschlossen, nachdem sich abzeichnete, dass das ebenfalls wenige Jahre zuvor errichtete katholische Waisenhaus am Muhrenkamp nicht ausreichend Platz bot. Das Waisenhaus – heute eine Ausbildungsstätte des evangelischen Krankenhauses – zählt zu den wenigen sehenswerten, heute noch vorhandenen Gebäuden dieser Bauepoche in Mülheim. Seine gebänderte und sorgfältig gegliederte Backsteinfassade verbirgt ein ungewöhnliches, mit Säulenarkaden umgebenes Treppenhaus, das der Architekt des Gebäudes, der Baumeister Maximilian Nohl, nach Vorbildern der italienischen Renaissance entworfen hatte.

Auch das erste Mülheimer Krankenhaus wurde im Umfeld des Kirchenhügels an der Teinerstraße ins Leben gerufen. Ein erstes bescheidenes Haus mit rund 10 Betten entstand dort um 1850 im Auftrag der evangelischen Kirchengemeinde, nachdem der Pfarrer E.W. Schulz im Jahre 1849 zu diesem Zweck ein Grundstück erworben hatte. Von 1875 an wurde die Kapazität des Krankenhauses auf 34 Betten, im Jahre 1900 auf bis zu 150 Betten erweitert. 1925/26 wurden weitere umfangreiche Erweiterungen durchgeführt, die schließlich 1976/77 einem größeren, nun jede alte Dimension sprengenden, vielgeschossigen Neubau weichen mussten.

Das katholische Krankenhaus wurde hingegen erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts unter dem Pfarrer Baurs auf den Weg gebracht. Es entwickelte sich ebenfalls ab 1877 in mehreren Ausbauphasen zur heutigen Größe. Schwere Bombenschäden des Zweiten Weltkrieges haben dazu geführt, dass heute – trotz des erhaltenen Standortes – vom ursprünglich beeindruckenden neugotischen Bau des Krankenhaus nichts mehr vorhanden ist, sondern bis auf einen Bauabschnitt aus den 1920er Jahren nur nüchterne Nachkriegsbauten das Bild bestimmen.

Im Übrigen haben die Kriegseinwirkungen des Zweiten Weltkriegs vielfach Anlass geboten, in das traditionelle Ortsbild um die Petrikirche einzugreifen. Die Lücken, die die Bomben gerissen hatten, wurden genutzt, um der unzureichenden Durchlässigkeit des Stadtgefüges für den Verkehr in Ost-West-Richtung entgegenzuwirken. Schon in der Vorkriegszeit hatte man mit der Schlossstraße die vorhandene Parzellen- und Straßenanordnung der Innenstadt durchbrochen, um die östlichen und westlichen Viertel der wachsenden Stadt besser zu verbinden. Mit der Verbreiterung und Begradigung der Leineweberstraße zog man beim Wiederaufbau eine weitere Schneise durch den Bereich nördlich des Kirchenhügels, so dass die Ablesbarkeit des alten Siedlungsrundrisses heute nur noch auf ein viertelkreisförmiges Segment südlich der Petrikirche beschränkt ist. Erst mit den behutsameren Vorgehensweisen der bürgerorientierten Stadtsanierung ab Mitte der 1970er Jahre des 20. Jahrhunderts rückte die Erhaltung der Altstadt wieder stärker in das Bewusstsein der Stadtplaner. So bestimmen heute die Kontraste zwischen Altem und Neuem dieses Viertel, das seit 1983 als Denkmalbereich unter Schutz steht.

(Aus: Zeugen der Stadtgeschichte: Baudenkmäler und historische Orte in Mülheim an der Ruhr, hrsg. vom Geschichtsverein Mülheim an der Ruhr e.V., Klartext Verlag, Essen 2008)

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