von: Franz Firla
Unter Platt verstehen viele Menschen eine Vereinfachung oder gar Verschlechterung des Hochdeutschen, so als seien die Sprecher nicht in der Lage, allgemeinverständlich zu reden. Es ist noch gar nicht so lange her, da galt Platt in Mülheim als ungebildet und wurde Kindern von ihren Eltern verboten. In Wahrheit wäre Hochdeutsch ohne Platt gar nicht erst entstanden. Es war einmal viel allgemeinverständlicher, als es Hochdeutsch jemals sein wird. Kennt man den alten Wortschatz doch auch in England, Schweden, Dänemark, Norwegen, Island und nicht zuletzt in den Niederlanden. Platt war nämlich als Niederfränkisch ein Teil der eng verwandten germanischen Sprachen. Sprachwissenschaftler haben durch Vergleiche von Wörtern in alten Schriften festgestellt, dass das Germanische durch Verschiebung einzelner Laute aus einer noch älteren Sprachgemeinschaft entstanden sein muss, die bis nach Indien reichte.
Dieser Ursprache gab man den theoretischen Namen Indoeuropäisch (ca. 5000 ~ 1500 v. Chr.). Dazu gehörte auch Lateinisch. Durch die sogenannte 1. Lautverschiebung (ca. 1500 v. Chr. ~ 500 n. Chr.) wurde z.B. aus lat. pater, niederfränkisch vaader, engl. father, also aus dem starken p ein weicher f-Laut. Andererseits wurde ein weiches b zu einem starken p (lat. baculum, germ. Pegel). Warum die Germanen allmählich bestimmte Laute (p, aber auch t und k, usw.) der indoeuropäischen Ursprache anders aussprachen, kann bis heute niemand schlüssig erklären. Fest steht aber, dass es später in Deutschland noch eine 2. Lautverschiebung (ca. 500 ~ 1050 n. Chr.) gab, die nicht alle mitmachten. (Daag wurde hier nicht zu Tag, Tiit nicht zu Zeit und aus Wief wurde kein Weib usw.). Diejenigen, die solcherart am alten Germanisch festhielten, sprachen nun innerhalb Deutschlands Niederdeutsch und die, welche die Lautänderungen mitmachten, sprachen nun Hochdeutsch (nicht zu verwechseln mit ei ner besonderen Schriftsprache Hochdeutsch).
Die gedachte Trennungslinie ist die sogenannte Benrather Linie. Sie läuft etwa in der Höhe von Düsseldorf in West-Ost-Richtung quer durch Deutschland. Da Mülheim nördlich dieser Linie liegt, hat es den Anschluss an das Hochdeutsche verpasst und gehört zum niederdeutschen Sprachgebiet. Über national gesehen aber sind wir durch unser Mölmsch weiter mit den anderen germanischen Sprachen verbunden, z.B. mit dem Englischen, Dänischen, Schwedischen und dem Niederländischen.
Besonders wegen der Aussprache des g-Anlautes wird Mölmsch oft mit dem Niederländischen verglichen. Und es wurde immer wieder behauptet, durch Handel und Verkehr sei die Sprache aus Holland „eingeführt“ worden. Wenn man aber weiß, dass wir zusammen mit den Niederlanden immer schon zum niederfränkischen Sprachgebiet gehören, ist diese Herleitung müßig. Das Anlaut-g als Reibelaut (wie ch in Kuchen) kennt man auch in anderen niederdeutschen Dialekten. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass die Kontakte mit den Niederländern, aber auch mit den Franzosen zu Besatzungszeiten, den Wortschatz bereicherten. Dasselbe gilt in noch größerem Maße für die Hochsprache und die Dialekte der Umgebung. Dem Mölmsch sehr ähnlich sind das Werdener und auch das Kettwiger Platt, die sich schon beide mit dem Bergischen mischen. Essen gehört bereits zum westfälischen Sprachraum. Oberhausen (Holten) und Duisburg (Ruhrort) sprechen ein kleverländisches Niederfränkisch.
Einzigartig steht Mölmsch mit dem „sche“ („je“) für „dir/dich“ da. Wie etwa in diesem wenig einladenden, dafür aber umso sprach- und bildkräftiger überlieferten Ausspruch:
„Haul die chroate Schnuute, söös schnie ick'sche de Keel döar, schmit'sche inne Ruur un lot'sche driive!"
– so verwendet vom Saarner Platt-Autor Willi Gantenberg in seinem Döneken „Mölmsch Platt of Ssaansch Platt?“
Eine ausführliche Darstellung der Sprachhistorie ist vom Autor beschrieben in seinem Buch: RuSaKeWe – Mundartanthologie der unteren Ruhr; erschienen bei Buchhandlung Hilberath & Lange im Jahr 2008.
Informationen mit Literaturliste finden sich: http://de.wikipedia.org/wiki/Mölmsch_(Dialekt)
Beispiele für Mölmsch als Mitglied der westgermanischen Sprachfamilie
