von: Dirk von Eicken
Auch in Mülheim erkannte man Anfang des 20. Jahrhunderts, dass die schwer arbeitende Bevölkerung, aber auch Kinder und Jugendliche, Rückzugs- und Erholungsorte in der Natur brauchen. So gab es bereits 1905 Pläne zur Errichtung eines Luft- und Sonnenbades. Der Naturheilverein (Verein für naturgemäße Gesundheitspflege) war ein starker Treiber für dieses Projekt. Letztlich aber eröffnete der Mülheimer Turnerbund im August 1907 auf dem Dönberg (heute Kirchbergs Höhe), dem Hügelausläufer zwischen Gracht und Holthausener Tal, auf 10.000 qm ein damals modernes
Licht- und Luftbad.
Das ‚Bad‘ war geteilt in Damen- und Herrenabteilung, gärtnerisch gestaltet, mit Rasenplätzen versehen sowie Umkleidezellen, Wannen- und Brausebädern, Spiel- und Turngeräten, Liegehallen, usw. ausgestattet. Die große, ebene Fläche wurde von mächtigen Bäumen umrandet. Wildwachsende Himbeer- und Brombeersträucher luden zum Naschen ein.
Für die allgemeine und besonders die sittliche Überwachung wurde eigens ein zuverlässiger, verheirateter Wärter angestellt. Bei diesem konnte auch für 5 Pfennige das Merkblatt „20 Baderegeln für Licht-Luft-Badende“ erworben werden. Erholen konnte man sich von Frühjahr bis Herbst täglich von morgens bis abends. Die Preise wurden so festgelegt, dass laut damaliger Presse auch die ‚Minderbemittelten‘ teilhaben konnten, denn damals wie heute galt:
Gesundheit ist das höchste Gut
Eine besondere Attraktion war bestimmt das schon 1909 angebotene Nacktturnen. In einer Ecke war das Gelände durch eine hohe Mauer abgetrennt und durch den oben erwähnten Wärter gesichert: Zutritt nur für Erwachsene mit Mitgliedsausweis. Dort hatten die so genannten ‚Sonnenanbeter‘ ihr Reich. Wie die Zeitungen damals berichteten, kletterten aber immer wieder Jugendliche auf die hohen Bäume, um ungehindert über die hohe Mauer auf die ‚nackten Tatsachen‘ blicken zu können.
Mit der Bebauung des Dönbergs Ende der 1920er-, Anfang der 1930er-Jahre mit der noch heute existierenden Siedlung Kirchbergs Höhe war auch das Ende des Licht- und Luftbades gekommen und ein Stück erfolgreicher Geschichte Mülheims war Vergangenheit.
Wenn man aber heute mal bei Google den Begriff ‚Licht- und Luftbad‘ eingibt, wird man feststellen, dass es in Deutschland noch zahlreiche dieser Institutionen gibt.
Licht- und Luftbäder
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dem Wasser, der Luft und später verstärkt dem Sonnenlicht insbesondere von Lebensreformer*innen eine heilende Wirkung zugeschrieben: „Wasser tuts freilich, höher jedoch steht die Luft und am höchsten das Licht“, betonte der Schweizer Physiker und als „Sonnendoktor“ bekannt gewordene Arnold Rikli (1823-1906). Doch gerade am Sonnenlicht mangelte es in den industriegeprägten, rußverschmutzten Großstädten. Die Folge waren Erkrankungen wie Vitamin-D-Mangel-Rachitis, die sich besonders bei Kindern bemerkbar machte. Nicht nur die modernisierungskritischen Lebensreformer*innen, die für naturgemäßeren und damit gesünderen Lebensstil warben, empfanden dies als problematisch. Hygiene und Volksgesundheit wurden bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu immer bedeutenderen Themen, die sich auch in der Städteplanung niederschlugen. Hier wurde, neben anderen Maßnahmen, zunehmend auch die Schaffung grüner Spiel- und Bewegungsräume für die „Massen“ angestrebt. Neben den Volksgärten und Volksparks als Gegenentwurf zu bürgerlichen Vergnügungsräumen, die nur einen kleinen Teil der Stadtbevölkerung zum Flanieren einluden, entstanden ab den 1890ern Licht- und Luftbäder im urbanen Raum.
Quelle: Historisches Museum Frankfurt



