Der Wamsärmel des Junggrafen Carl Alexander von Daun-Falkenstein

Als die Gruft im Oktober 1971 wiederentdeckt wurde, war der Sarg von Carl Alexander geplündert. Der Wamsärmel ist deutlich zu erkennen. Quelle: Bernd Brinkmann

Unser kostbarstes Exponat als Objekt wissenschaftlicher Forschung

Seit 2008 konnten wir im Museum Schloß Broich in einer Wandnische ein ganz ungewöhnliches Exponat bestaunen. Erst musste man einen gülden glitzernden Samtvorhang beiseite schieben, dann sah man hinter einer Glasscheibe den linken Wamsärmel des Junggrafen Carl Alexander von Daun Falkenstein – eingebettet in eine Montageplatte, leicht von hinten angehoben zur besseren Sichtbarkeit. Ein beigelegtes Schreiben informierte über die monatelange Restaurierung des Ärmels in einer „bekannten Kölner Werkstatt“.
Der Ärmel ist gewebt aus Seidenfäden, die mit vergoldeten Silberfäden umwickelt sind. Die
Kostbarkeit dieses Wamses ist beeindruckend und von außerordentlicher Schönheit. Allein: Es handelt sich um ein Fragment aus einem Totengewand.
Totengewand? Tatsächlich verbindet sich mit dem Ärmel eine der ganz tragischen Geschichten, die Schloß Broich zu erzählen hat. Schließlich liegt in der Wandnische neben dem Ärmel eine Kugel – die Kugel, mit der Carl Alexander 1659 im Alter von 16 Jahren ermordet wurde.

Der Tod des Junggrafen Carl Alexander zu Daun-Falkenstein

Der Vater des Junggrafen Carl Alexander, Wilhelm-Wirich von Daun-Falkenstein (1613 -1682) hatte die im 80-jährigen Krieg stark zerstörten Gebäude schon zum Friedensjahr 1648 wiederhergestellt, dabei vorhandene Wohngebäude erweitert und neue angebaut. Zudem entstand das Hochschloss, in dem sich heute unser Museum befindet und ein barocker Garten an der Südseite des Schlosses. Eine Zeit des Wohlstands und des Friedens schien angebrochen.
Als sein einziger noch lebender Sohn sollte Carl Alexander seine Nachfolge antreten. Carl Alexander studierte nach dem Gymnasium in Moers ab 1657 an der Universität Duisburg. Aber er war auch nicht abgeneigt, das Leben zu genießen und so verbrachte er 1659 gern Zeit mit dem 10 Jahre älteren und für seine Gewaltbereitschaft berüchtigten Graf Moritz von Limburg, der auf Schloss Styrum lebte.
Am 8. Oktober 1659 begab sich Carl Alexander mit Graf Moritz auf die Jagd, die anschließend im Kloster Hamborn tüchtig mit Wein begossen wurde. Es kam zu einem Streit, der damit endete, dass Moritz Carl Alexander mit einem Pistolenschuss tötete. (siehe: Kai Rawe: Die Ermordung des Junggrafen Carl Alexander von Daun-Falkenstein)

Sein Sarg mit dem in unserem Museum ebenso ausgestellten kunstvoll verzierten Zinkdeckel wurde während der Ausgrabungsarbeiten 1971 entdeckt und darin der Wamsärmel sowie die Todeskugel. In der Gruft fand man 8 Särge vor und deutliche Spuren von Vandalismus. Unter der im Palas schon im 14. Jahrhundert erwähnten Kapelle hatte Wilhelm Wirich die Gruft für seine Familie anlegen lassen, als 1647 seine erste Frau Gräfin Elisabeth zu Waldeck verstorben war. (Siehe: Günter Fraßunke: Neues aus der Gruft, 2022)

Unser Anspruch, den Wamsärmel zu konservieren und zukünftig angemessen zu präsentieren

Eine Präsentation des wertvollen Textils unter konservatorischen Gesichtspunkten ist uns im Rahmen der geplanten Neugestaltung des Museums ein großes Anliegen. Und manchmal gibt es wundersame Zufälle: Noch in derselben Woche, in der wir Kontakt mit dem Textilmuseum in Krefeld aufgenommen hatten, um dieses um ihre Expertise zu bitten, schrieb uns Ulrike Reichert eine Email:

"Im Jahr 2008 restaurierte ich für Ihren Geschichtsverein den linken Ärmel eines Wamses aus Metallspitzenborten, ein Grabfund [...] der seitdem im Schloss Broich ausgestellt ist. [...] Damals machte ich Herrn Hartling vom Geschichtsverein den Vorschlag, die noch vorhandenen Überreste an Borten, Knöpfen, Knopflöchern etc. der Fachhochschule Köln, Fachbereich Textilrestaurierung (CICS - Cologne Institute of Conservation sciences) für eine Masterarbeit zur Verfügung zu stellen, damit an diesem außergewöhnlichen Objekt (Wamsärmel) weiter geforscht wird. [...] Nun hat der Fachbereich nach längerer Vakanz eine neue Professorin und ich habe einen neuen Versuch gestartet, dieses interessante Forschungsprojekt vorzustellen."

Die Überraschung war perfekt: wir hatten die Restauratorin unseres Exponats wiedergefunden, genau in dem Moment, in dem wir sie dringend brauchten. Nur zwei Wochen später schaute sich die renommierte Restauratorin den Zustand ihres hoch geschätzten Objektes selbst im Museum Schloß Broich an. Wir vereinbarten eine Reinigung und Begutachtung in ihrer Werkstatt. Heiligabend 2024 war es dann so weit: ich übergab den Ärmel in die Obhut von Frau Reichert. Und zunächst sollte er nach der Winterpause des Museums zu uns zurückkehren.

Auf dem Foto vom Oktober 2024 sehen wir vor der Vitrine die Kölner Textilrestauratorin Ulrike Reichert. Sie hat bereits im Jahr 2008 den Ärmel restauriert. Quelle: Ursula Hilberath

Die Reinigung durch die Restauratorin Ulrike Reichert

Im Bericht der Reinigung lesen wir, was wir schon vermutet hatten:

"Zustand: Der Ärmel war durch die Präsentation in der undichten Vitrine starker Verschmutzung ausgesetzt. [...]"

Und wir erhielten wertvolle Informationen für die zukünftige Ausstellung:

Maßnahmen: Die Oberflächen des Ärmels und sein Lagerungstablar wurden mit Hilfe eines Mikrostaubsaugers und eines feinen Pinselaufsatzes vorsichtig entstaubt. [...] Der Umbug, die Unterseite und, durch Anheben des oben liegenden Ärmelteils, das Futter sowie das Formpolster wurden ebenso mit dem Mikrosauger gereinigt. [...] Aufgrund des abgebauten Zustands der Metallfäden ist auch jede erneute Entstaubung eine mechanische Belastung, bei der auch brüchiges Metallmaterial verloren geht. 
Hinweise zur [...] Ausstellung: [...] Der Ärmel darf nur waagerecht und vorsichtig und erschütterungsfrei mit dem Tablar bewegt werden. [...] [Er] sollte flachliegend in einer staubdichten Vitrine präsentiert werden."

Der Wamsärmel in den Händen wissenschaftlicher Forschung

In der Zwischenzeit hatte sich Frau Reicherts großartiges, leidenschaftliches Engagement für eine Erforschung des Ärmels und der weiteren textilen Überreste konkretisiert. Sie konnte Nicole Reifrath, Professorin am Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft der Technischen Universität Köln, dafür begeistern, eine Masterarbeit mit der wissenschaftlichen Untersuchung der Fundstücke zu vergeben. Und bald meldete sich eine Studentin, die sich dieser inzwischen angenommen hat. Sie hat bereits eine herausragende Bachelorarbeit über einen textilen Grabfund verfasst, und sie hat schon mit den ersten textiltechnologischen Untersuchungen der Fundstücke begonnen.
Weil eine den Anforderungen unseres sensiblen Exponats entsprechende Vitrine erst mit der neuen Gestaltung des Museums gebaut werden kann, sind alle Broicher Grabtextilien nun im Kölner Institut untergebracht. Insbesondere auch, weil dadurch die Erforschung erleichtert wird. Die Fundstücke werden dort in speziellen Schutzverpackungen aufbewahrt.

Was wir uns von der Forschung erhoffen

Für unsere neue Ausstellung ist von besonderem Interesse die Herkunft des Textils, auch in Hinsicht auf mögliche Handelswege, die Produktion, die kostüm- und kulturgeschichtliche Einordnung und dem damit verbundenen Status des Trägers. Falls es Antworten auf unsere Fragen gibt, erhoffen wir uns auch Hinweise auf die europäischen Netzwerke und Verbindungen der Familie Daun Falkenstein.
Es bleibt spannend. Und bis auf Weiteres werden wir in der Wandnische hinter dem gülden
glitzernden Samtvorhang und durch die Glasscheibe nur ein – dem Original in seiner Größe etwa entsprechendes – Foto unseres kostbarsten Objekts, des linken Wamsärmels von Carl Alexander sehen.

Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner