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Die größte Brikettfabrik Westeuropas

Briketts auf der Bandstrecke, Quelle: Maschinenfabrik Köppern
Briketts auf der Bandstrecke, Quelle: Maschinenfabrik Köppern

von Lars van den Berg

Als 1966 mit der Zeche Rosenblumendelle das letzte Mülheimer Bergwerk schloss, endeten mehrere Jahrhunderte Bergbaugeschichte in der Stadt. Im Laufe der Historie bot der Mülheimer Bergbau mehrfach Höhepunkte in der Geschichte des Ruhrbergbaus. So auch 1954, als man die größte Brikettfabrik Westeuropas in Betrieb nahm. Viele ältere Mülheimer können sich noch an die Eierbriketts erinnern, mit denen früher die Wohnungen geheizt wurden. Wie diese entstanden und warum Mülheim in der Brikettherstellung zeitweise sehr bedeutend war, soll dieser Blick in die Geschichte der Brikettierung zeigen. Entstehung der Brikettierung Das Wort „Brikett“ stammt von dem französischen Wort „Brique“,das übersetzt „Ziegelstein“ bedeutet. „Briquette“ ist dabei die Verkleinerungsform des Wortes. Die Herstellung von Kohlebriketts fand bereits im 18. Jahrhundert statt, als u.a. in der Rheingegend Kohlenklein mit Lehm und Ton gemischt und von Hand in rundliche Briketts, sogenannte „Klüten“, geformt wurde. Die erste nennenswerte, größere Herstellung von Briketts aus Steinkohle ist erst ab Mitte des 19. Jahrhundert bekannt, unterlag von da an aber einem rasanten Wachstum.

Gründe für die Brikettierung

An der gesamten Kohlenförderung im heutigen Mülheim war der Anteil an Feinkohle, also Kohle mit einer Korngröße von 0–6 mm, mit bis zu 60 % schon lange sehr hoch. Während großstückige Kohle nach Durchlaufen der Kohlenwäsche und der Aufbereitung, in der die Kohle vom Gestein getrennt und nach Größe sortiert wurde, ohne große Weiterverarbeitung verkauft werden konnte, blieb die Feinkohle ein nur schwer zu veräußerndes Produkt.

Als staubähnliches Produkt war ihr Transport aufgrund der Brennbarkeit und der dadurch möglichen Kohlenstaubexplosion gefährlich. Auch die Lagerung war insbesondere bei starken Regenfällen oder starkem Wind äußerst schwierig. Eine Verwendung der Feinkohle in heimischen Öfen war nahezu unmöglich, da sie unmittelbar durch den Ofenrost in den Aschekasten durchgefallen wäre und auch hier die Anlieferung und Lagerung nicht praktikabel war.

So setzte sich auch in Mülheim die Brikettierung durch, bei der die feine Kohle durch Vermischung mit erhitztem Pech zu einer gebundenen Masse wurde, die man wiederum unter maschinellem Einsatz zusammenpressen konnte. Die dadurch entstandenen Briketts waren nicht nur widerstandsfähig und reduzierten die Explosionsgefahr, sie waren aufgrund ihrer kompakten Größe auch für die Lagerung, Verladung und den Transport wesentlich besser geeignet. Außerdem konnte die Feinkohle, die zu jeder Jahreszeit bei der Förderung anfiel, auch im Sommer verarbeitet und z. B. durch Aufhaldung für den Winter eingelagert werden.

Abb. 1: Eier-/Nussbriketts (Foto: Initiativkreis Bergbau und Kokereiwesen e. V.)

1861 spielte der Mülheimer Bergbau erstmals eine wichtige Rolle in der Geschichte der Brikettherstellung, als auf der Zeche „Wiesche“ in Heißen die erste Brikettfabrik im Ruhrgebiet den Betrieb aufnahm. In einem Bericht über diese erste Brikettfabrik heißt es: „Die Grubenverwaltung, welche im Ruhrgebiet hinsichtlich der Brikettierung von Steinkohle in dieser Beziehung bahnbrechend vorzugehen sich anschickte, war diejenige der Zeche Vereinigte Wiesche bei Mülheim an der Ruhr. Hier wurde im Jahre 1861 die erste Brikettfabrik und diese nach belgischem Muster eingerichtet. Zur Aufstellung gelangte eine belgische Mazeline-Presse. Es wurden 24 Stückbriketts je Minute hergestellt.“

Bereits sechs Jahre später wurde die Anlage aus wirtschaftlichen Gründen wieder stillgelegt, da sich die auf „Wiesche“ geförderte Magerkohle zu dieser Zeit für den Stand der Technik noch nicht als ausreichend geeignet erwies. Auch waren zu dieser Zeit noch die Vorurteile gegenüber Steinkohlebriketts zu groß. So versuchte man, die Briketts z. B. an Eisenbahngesellschaften zu verkaufen, deren Lokführer diese aber nicht haben wollten. Somit blieb nur die Möglichkeit, die Briketts zu besonders günstigen Preisen zu verkaufen, was letztendlich nicht mehr wirtschaftlich war.

Erst 20 Jahre nach Stilllegung der Brikettfabrik wurde der Betrieb unter Verwendung von Pressen neuerer Bauweise, sogenannter Couffinhal-Pressen, wieder aufgenommen. Nach ersten unregelmäßigen Betriebsjahren und dem Beginn der Herstellung erster Eierkohlenbriketts blieb die Produktion relativ konstant, so dass man 1911 sogar durch den Bau einer neuen Brikettfabrik die Leistung weiter steigern konnte. Diese Fabrik blieb bis zum Ende der Brikettierung auf „Wiesche“ am 01.06.1953 in Betrieb .

Abb. 2:Couffinhal-Presse(Werkszeichnung Mülheimer Bergwerks-Verein)

Die Brikettfabrik Rosenblumendelle

Auch auf der Zeche „Rosenblumendelle“ gab es relativ früh eine Brikettierung. 1898 wurde auf der Zeche die erste Brikettfabrik errichtet, die Lokomotivbriketts von 1,3 kg und 7 kg herstellte und später noch um 18 kg-Nußbriketts ergänzt wurde. Auch auf den benachbarten Zechen „Humboldt“ auf dem Gelände des heutigen RRZ und „Hagenbeck“ im Bereich des heutigen S-Bahnhofes Essen-Frohnhausen wurden 1904 Brikettfabriken in Betrieb genommen, die jedoch schon knapp 25 Jahre später wieder stillgelegt und abgerissen wurden, als die eigenständige Förderung auf den beiden Zechen eingestellt wurde.

Die Kohlen transportierte man fortan untertage zur Schachtanlage „Rosenblumendelle 1/2“ (zeitweise auch zur Zeche „Wiesche“) und förderte sie dort zutage.

Als im Zeichen der Kohlenkrise 1952 auch auf Wiesche die Förderung eingestellt wurde, stellte ein Jahr später auch hier die Brikettfabrik den Betrieb ein.

Rationalisierung und Umstrukturierungen im Mülheimer Bergbau

1952 wurden die Zechen „Wiesche“ (mit dem Grubenfeld von „Humboldt“) und „Rosenblumendelle“ (mit den Grubenfeldern von „Hagenbeck“, „Hobeisen“, „Schölerpad“ und „Kronprinz“) zum Verbundbergwerk „Rosenblumendelle/Wiesche“ konsolidiert.

Da die Schachtanlage „Rosenblumendelle“ zentral in der Mitte der konsolidierten Bergwerke lag, wurde sie zur neuen Zentralschachtanlage ausgebaut. Die Kohle aus allen Grubenfeldern wurde untertage nahezu sternförmig zu den beiden Schächten im heutigen Gewerbegebiet „Am Förderturm“ in Heißen transportiert und hier zutage gefördert.

Die arbeitstägliche Förderung lag bei rund 4.600 Tonnen, wobei zeitweise 60 % dieser Fördermenge aus Feinkohle bestand, woraus sich die große Bedeutung der Brikettierung für den Mülheimer Bergbau erahnen lässt.

Aus diesem Grund hatte man schon 1950/51 damit begonnen, die alte Brikettfabrik umzubauen und zu erweitern. Dieser Umbau war eine besondere Herausforderung, denn er erfolgte während des laufenden Produktionsbetriebes, da die Brikettherstellung nicht unterbrochen werden konnte.

1954 war der Umbau, den die auch heute noch existierende Maschinenfabrik Köppern aus Hattingen durchgeführt hat, abgeschlossen, und die Zeche „Rosenblumendelle“ verfügte damit über die größte Brikettfabrik Westeuropas.

Abb. 4: Blick in die neue Brikettfabrik im Jahr 1954: Links ein Pressenstand mit Abluftrohren, mittig steht oben auf dem Podest eines der Dampfknetwerke (Foto: Maschinenfabrik Köppern)

 

Die Brikettfabrik Rosenblumendelle von 1954 und ihre Funktionsweise

Die geförderte Kohle wurde zunächst der Aufbereitung zugeführt, in der die Kohle in der sogenannten Kohlenwäsche vom mitgeförderten Gestein getrennt und nach Größe sortiert wurde. Die Kohle > 6 mm gelangte direkt zum Versand per Bahn oder LKW, die Feinkohle ging in die Brikettfabrik, wobei ein Teil der Feinkohle auch im Kesselhaus verfeuert wurde, um u. a. Dampf für die Kraftzentrale und die Fördermaschine von Schacht 2 zu liefern.

In der Brikettfabrik wurde die Feinkohle mit feingemahlenem Pech als Bindemittel vermischt. Dieses Pech-Kohle-Gemisch gelangte über mehrere Fördereinrichtungen in große Dampfknetwerke, in denen das Pech-Kohle-Gemisch mit heißem Dampf erhitzt und mit Rührwerken vermischt wurde. Nach 12–15 Minuten wurde das fast 100 °C heiße Material zu den 8 Doppelwalzenpressen befördert.

Die Pressen arbeiteten nach dem Prinzip eines Waffeleisens: Auf zwei gegeneinander laufenden Walzen befanden sich die Formen für die Briketts. Das heiße Pech-Kohle-Gemisch wurde zwischen die laufenden Walzen gegeben und erhielt so die typische eiförmige Brikettform und die entsprechende Festigkeit. Jede der 8 vorhandenen Pressen konnte bis zu 25 t Briketts pro Stunde produzieren.

Abb. 6: Die Walzen einer Brikettpresse auf einer benachbarten Zeche mit den gut erkennbaren Formen. (Foto: Maschinenfabrik Köppern)

Nach dem Pressprozess fielen die fertigen Briketts an der Unterseite der Walze aus der Form und gelangten über Bänder zu den Kühlbandstraßen. Auf 195 m langen Gummibandstrecken, die außerhalb des Gebäudes unter freiem Himmel lagen, kühlten die Briketts so weit ab, dass sie am Ende der Anlage über Zwischenbunker in Waggons verladen werden konnten. Von hier wurden die fertigen Briketts auf den Gleisen zum Landabsatz auf der ehemaligen Schachtanlage Humboldt oder direkt in den Versand gebracht.

Abb. 7: Zum Abkühlen wurden die Briketts neben der Brikettfabrik unter freiem Himmel über 195 m lange Bandstrecken geleitet. (Foto: Maschinenfabrik Köppern)

Eine Besonderheit in der Brikettfabrik Rosenblumendelle war die groß dimensionierte Absauganlage. Um die Belastung für die 58 Mitarbeiter möglichst gering zu halten, wurden unter den Pressen Unterdruckkammern installiert, aus denen mit großen Lüftern die Luft und die darin enthaltenen Stäube und Dämpfe innerhalb der Presse und an den Abwurfeinrichtungen unter den Pressen nach unten abgesaugt wurden.

Abb. 8: 1954 eine Innovation: Der gesamte Pressenstand war eingehaust und über Rohrleitungen wurden die Schwaden zum Schutz der Mitarbeiter abgesaugt. (Foto: Maschinenfabrik Köppern)

Leider war der modernen Brikettfabrik Rosenblumendelle kein langes Leben vergönnt. Insbesondere durch den Siegeszug des Öls und den dadurch noch verstärkten Rückgang des Hausbrandes war das Ende des Steinkohlenbergbaus in Mülheim unumgänglich. So endete am 29.07.1966 mit der Stilllegung des Bergwerks „Rosenblumendelle/Wiesche“ der Bergbau in Mülheim an der Ruhr, und auch die Brikettfabrik stand nur 12 Jahre nach ihrer Inbetriebnahme vor dem Ende. Nach der Fördereinstellung verarbeitete die Brikettfabrik noch 2 Jahre die letzten Feinkohlenvorräte und wurde schließlich am 30. September 1968 stillgelegt und wenige Monate danach abgerissen.

Nur wenige wissen heute noch, wie innovativ und federführend der Mülheimer Bergbau 1861 und 1954 in Sachen „Brikettierung“ war.

 

Quellen:

  • „Die Steinkohlenbrikettierung auf den Zechen des Mülheimer Bergwerks-Vereins“, Mülheimer Bergwerks-Verein AG, November 1954 (Bergbau-Archiv Bochum 119/268)

  • Betriebsunterlagen aus dem Archiv des „Initiativkreises Bergbau und Kokereiwesen e.V.“

  • Unterlagen der Maschinenfabrik Köppern GmbH & Co. KG, Hattingen

Abbildungen:

  • Abb. 1: Initiativkreis Bergbau und Kokereiwesen e.V.

  • Abb. 2: Werkszeichnung Mülheimer Bergwerks-Verein

  • Abb. 3–8: Maschinenfabrik Köppern GmbH & Co. KG, Hattingen (Mit freundlicher Genehmigung vom 25.07.2024)

 

 
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