100 Jahre Verkehrswacht in Mülheim an der Ruhr: Ehrenamt für mehr Sicherheit im Straßenverkehr seit 1926

Der Mülheimer Verkehrsübungsplatz in den 1950er Jahren (Quelle: Stadtarchiv)

Von: Prof. Dr. Gunter Zimmermeyer in Verbindung mit Wolf Hausmann und der Redaktion des Geschichtsvereins

Als am 12. Februar 1926 Vertreter von Vereinen, Verbänden, Behörden und Presse zur Gründung einer Verkehrswacht in Mülheim zusammenkamen, befand sich der Straßenverkehr im Wandel. Immer mehr Automobile prägten das Stadtbild. Fußgänger, Radfahrer, Fuhrwerke und Kraftfahrzeuge teilten sich die Straßen, nicht immer konfliktfrei. Die Verkehrswacht sollte dazu beitragen, Sicherheit und gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr zu fördern sowie die Setzung und Überwachung von Verkehrsregeln fachlich zu unterstützen.

Die Initiative entstand im Umfeld der 1924 in Berlin gegründeten Deutschen Verkehrswacht. In Mülheim hatten der Automobil-Klub und die Berufskraftfahrer im Deutschen Verkehrsbund im Februar 1926 – mitten im Karneval und einen Tag nach Weiberfastnacht – zu einer gemeinsamen Versammlung eingeladen. Als Aufgaben wurden die Zusammenarbeit mit den Behörden, die Beratung in Verkehrsfragen sowie die Aufklärung über Gefahren im Straßenverkehr festgelegt. Schon damals spielte die Verkehrserziehung in den Schulen eine wichtige Rolle.

Der erste Vorstand spiegelte die Vielfalt der damaligen Verkehrswelt wider. Vertreter des Automobilklubs, des Verkehrsverbundes, der Straßenbahn, der Sanitätskolonne, der Radfahrer und der Kraftwagenführer arbeiteten gemeinsam an Lösungen für die Herausforderungen einer zunehmend mobilen Gesellschaft.

Über die Arbeit der Verkehrswacht in den Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg haben sich nur wenige Quellen erhalten. Umso deutlicher lässt sich der Neubeginn nach 1945 nachvollziehen. Am 1. Juni 1950 wurde die Verkehrswacht Mülheim neu gegründet. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nahm auch der Straßenverkehr in der Stadt stark zu. Bereits 1956 waren rund 14.000 Kraftfahrzeuge zugelassen. Verkehrserziehung und Unfallverhütung gewannen dadurch immer mehr an Bedeutung.

Ein Meilenstein der Mülheimer Verkehrserziehung war die Eröffnung des Jugend-Verkehrsübungsplatzes am Priestershof an der Wittekindstraße im Jahr 1956, des ersten in ganz Nordrhein-Westfalen. Die Anlage bot Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, Verkehrssituationen unter realistischen Bedingungen in einem Schonraum ohne die Gefahren durch Autos zu üben. Kreuzungen, Verkehrszeichen, Ampeln, Rad- und Fußwege ermöglichten praxisnahes Lernen. Unter Anleitung von Lehrkräften und Polizeibeamten konnten die jungen Teilnehmer das richtige Verhalten im Straßenverkehr trainieren.

Der Verkehrsübungsplatz entwickelte sich rasch zu einem Vorzeigeprojekt und fand auch über die Stadtgrenzen hinaus Beachtung. Die zahlreichen Teilnehmer der Verkehrs-Ferienspiele und die Besuche von Fachdelegationen belegen die Bedeutung dieser Einrichtung. Bis heute erinnert sie an eine Zeit, in der Mülheim in der Verkehrserziehung neue Wege beschritt.

Zu den erfolgreichsten Projekten der Verkehrswacht gehörte die Arbeit der Schülerlotsen. Über viele Jahrzehnte hinweg sorgten sie für sichere Schulwege und übernahmen Verantwortung für andere. Eine zum 40-jährigen Bestehen der Schülerlotsen veröffentlichte Broschüre zog eine bemerkenswerte Bilanz: An den von Schülerlotsen gesicherten Übergängen war kein Unfall mit Todesfolge oder schweren Verletzungen zu verzeichnen.

Die historischen Aufnahmen aus dieser Zeit zeigen eindrucksvoll, mit welchem Engagement junge Menschen diese Aufgabe wahrnahmen. Sie erinnern zugleich daran, dass Verkehrssicherheit immer auch vom verantwortungsvollen Handeln der Menschen lebt.

Wie viele ehrenamtliche Organisationen stand auch die Verkehrswacht zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor Herausforderungen. Nach einer Phase der Auflösung wurde sie 2010 durch Vertreter der Polizei und der DEKRA erneut gegründet. Die Entwicklung verlief erfreulich. Die Mitgliederzahl stieg kontinuierlich auf mehr als 100 an, zugleich wuchs die Zahl der Projekte und Veranstaltungen. Damit knüpfte die Verkehrswacht an ihre lange Tradition an und setzte neue Akzente in der Verkehrssicherheitsarbeit.

Heute richtet sich die Arbeit der Verkehrswacht an Menschen aller Altersgruppen. Programme zur Schulwegsicherheit, Radfahrtrainings, Angebote für Fahranfänger, Pedelec-Trainings sowie Aktionen für Seniorinnen und Senioren, gehören zum festen Programm. Seit 2010 ist die Verkehrswacht mit ihrem Programm wieder an allen Grundschulen in Mülheim vertreten, seit dem Schuljahr 2025/26 erweitert um ein Sehtest-Angebot.

Die Vielzahl dieser Aktivitäten zeigt, dass Verkehrssicherheit eine gemeinsame Aufgabe ist. Schulen, Polizei, Verwaltung, Verbände, Unternehmen und viele Ehrenamtliche tragen dazu bei, Menschen für Gefahren zu sensibilisieren und sicheres Verhalten im Straßenverkehr zu fördern.

Im Jubiläumsjahr 2026 sind in Mülheim rund 95.000 Pkw sowie weitere 14.500 Kraftfahrzeuge zugelassen. Neue Mobilitätsformen wie Pedelecs oder E-Scooter ergänzen das Verkehrsgeschehen und stellen die Verkehrssicherheitsarbeit vor neue Aufgaben. Die Erfahrungen aus einem Jahrhundert Verkehrswacht zeigen jedoch, dass erfolgreiche Verkehrserziehung auf zeitlosen Grundgedanken beruht: Wissen vermitteln, praktische Fähigkeiten fördern und gegenseitige Rücksichtnahme stärken.

Anmerkung der Redaktion:

Beim Lesen der Geschichte der Mülheimer Verkehrswacht werden bei vielen Menschen eigene Erinnerungen wach. Manche erinnern sich an ihre Zeit als Schülerlotsin oder Schülerlotse, andere an den Verkehrsunterricht in der Schule oder an Übungen auf dem Verkehrsübungsplatz am Priestershof. Der Radführerschein, bis heute Teil des Grundschulprogramms der Verkehrswacht, dürfte bei vielen noch in der Schublade schlummern und stolze Erinnerungen wecken. Die Erfahrungen waren oft weit mehr als reine Verkehrserziehung. Sie vermittelten Verantwortung, Aufmerksamkeit und das Bewusstsein, für andere da zu sein. Für viele Kinder und Jugendliche war dies eine erste Gelegenheit, eine Aufgabe für die Gemeinschaft zu übernehmen.

Vielleicht liegt gerade darin eine besondere Stärke der Verkehrswacht: Über Generationen hinweg hat sie nicht nur Wissen über Verkehrssicherheit vermittelt, sondern auch Gemeinsinn und ehrenamtliches Engagement gefördert. Die Erinnerungen vieler Mülheimerinnen und Mülheimer zeigen, wie nachhaltig diese Erfahrungen bis heute nachwirken.

Die Arbeit der Verkehrswacht in den Jahren 2013 bis 2025 (Quelle: Verkehrswacht)
Die Arbeit der Verkehrswacht in den Jahren 2013 bis 2025 (Quelle: Verkehrswacht)
Die Jubiläumsfeier am 11. Februar 2026 zum 100jährigen Bestehen der Mülheimer Verkehrswacht (Quelle: Verkehrswacht)
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