von: Thomas Emons
„Wer Menschen gewinnen will, muss das Herz zum Pfande einsetzen.“
„Das Christentum ist nicht bloß für die Kirche und für die Betkammern, sondern für das ganze Leben.“
„Das Jammern über das Weltenland ist unfruchtbar. Jeder Christ tue seine Pflicht, indem er in seinem Umfeld Gutes bewirke. Denn wer das mit Gottvertrauen unternimmt, der gewinnt Mut und Mut lässt das Herz wachsen.“
„Was einem im Großen nicht gelingt, das soll man im Kleinen nicht unversucht lassen.“
„Der Gesellenverein ist eine Volksakademie im Volkston.“
„Mit dem Schweigen kommt man heutzutage nicht weit …Wir müssen reden, um zum Ziel zu kommen. Es wird immer schwerer, sich in all den konkurrierenden Weltanschauungen zurechtzufinden. Wer aber die Lehre beherrscht, bestimmt auch das Leben und die öffentliche Lehre stelle eben die Presse dar.“
„Wo Liebe ist, da muss sie sich auch in der Tat und Wahrheit in allen Verhältnissen des Lebens wirksam zeigen und nicht in dem einen oder andern allein. Die Liebe erstreckt sich notwendig auf den ganzen Menschen, nicht bloß auf sein ewiges Heil, sondern auch auf sein irdisches Wohl“.
„Zerbrecht euch die Köpfe über die beste Staatsmaschine, wie ihr wollt; ersinnt Gesetze, welche in ihrer klugen Berechnung das ganze Altertum beschämen, solange nicht das Familienleben der übrigen Gesellschaft Würde und Halt gibt, solange nicht ein tüchtiges Familienleben eine tüchtige bürgerliche Gesinnung und Tugend erzeugt und erzieht, den Geist erweckt, in dem eure Gesetze erst Leben empfangen, … werdet ihr Wasser in ein Sieb tragen“.
„Eines von den herrschenden Übeln in politischen wie in unpolitischen Dingen ist heutzutage das oberflächliche Räsonieren über alles und jedes, was den Leuten nur in den Wurf kommt … Ruhig die Sache ansehen, genau studieren und Vorsicht im Urteil brauchen, ist nicht die Sache der meisten Menschen, das kostet zu viel Zeit und Mühe, verträgt sich also mit der philisterhaften Behaglichkeit nicht; viel leichter ist's, aus der ersten besten Zeitung heraus, die einem in den Wurf kommt, sich die Brille aufsetzen lassen und durch ihre Farben die Sache anschauen.“
Diese Kerngedanken des 1991 von Papst Johannes Paul II. (1920-2005) seliggesprochenen Gesellenvaters Adolph Kolping (1813-1965) bilden die Grundlagen von heute weltweit mehr als 7.300 Kolpingfamilien, die sich als bildende, solidarische und befähigende „Weggemeinschaft“ begreifen.
Noch zu Kolpings Lebzeiten wurden 418 Gesellenvereine mit insgesamt rund 25.000 Kolpingbrüdern ins Leben gerufen. Einer von ihnen war der von 30 Kolpingbrüdern und ihrem Präses Pastor Kaspar Wolf 1856 gegründete Gesellenverein in Mülheim an der Ruhr.
Der Gesellenverein war vor allem in den Jahren des preußischen Kulturkampfes gegen die katholische Kirche (1871-1878) ein wichtiger Akteur und Ankerpunkt der katholischen Bevölkerungsminderheit. Unweit der zweiten Marienkirche (1872-1928) eröffnete der Gesellenverein auf dem Kirchenhügel sein erstes Gesellenhaus, das im Volksmund als „katholischer Bahnhof“ bezeichnet wurde. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde aus dem Gesellenverein eine Kolpingsfamilie. Mit dieser Umbenennung wollten die Kolpingbrüder ihrer Gleichschaltung zuvorkommen.
Zu den kommunal- und sozialpolitisch wirksamsten Kolpingbrüdern gehörte der spätere Ehrenbürger Max Kölges. 1902 wurde der spätere Kreishandwerksmeister, Stadtverordnete, Bürgermeister und Landtagsabgeordneter Mitglied des Gesellenvereins und gehörte 1945 im alten Gesellenhaus zu den 65 Mitgründern der überkonfessionellen Christlich Demokratischen Union. Sein Name verbindet sich nicht nur mit dem Bau des Hauses des Mülheimer Handwerks (1926), sondern auch mit dem Neubau des Gesellenhauses auf dem Kirchenhügel (1955/56).
Dieses Gesellenhaus an der Althofstraße, in dem später auch Gastarbeiter untergebracht wurden, kennen wir seit 1968 als katholisches Stadthaus. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden neue Kolpingsfamilien in Dümpten, Broich/Speldorf, Heimaterde, Saarn und Eppinghofen. Seit den frühen 1950er Jahren luden die Kolpingsfamilien auch zu Bildungs- und Informationsreisen ein. 1947 ging aus der Kolpingsfamilie Broich-Speldorf die bis heute existierende Karnevalsgesellschaft Blau-Weiß hervor. 1950 gründeten Mitglieder der Kolpingsfamilie Heimaterde die inzwischen wieder aufgelöste Karnevalsgesellschaft Knatsch Geck. Die Kolpingsfamilie Heimaterde, die inzwischen mit der Kolpingsfamilie Zentral fusioniert ist, veranstaltet seit 1967 auf der Heimaterde ein Kinder- und Familienfest.
Unter dem Eindruck des Zweiten Vatikanischen Konzils und der westdeutschen Emanzipationsbewegung wurden die Kolpingvereine ökumenischer, internationaler und trugen ab 1971 mit der Aufnahme weiblicher Mitglieder ihrem Namen Rechnung. Ab 1988 stand mit Marlies Schroeder (1938-2025) erstmals eine Frau an der Spitze des Bezirksverbandes der Mülheimer Kolpingsfamilien, der regelmäßig zu gesellschaftspolitischen Diskussionsveranstaltungen einlädt und im Rahmen der Landesgartenschau MüGa im Mai 1992 Gastgeber des Kolping-Diözesan-Familientages war, an dem damals rund 38.000 Menschen teilnahmen.
