120 Jahre und fit für die Zukunft: Der Geschichtsverein Mülheim an der Ruhr e.V.

Der Vorstand des Geschichtsvereins Mülheim an der Ruhr e.V. im April 2025. Sven Rieger, Dr. Ursula Hilberath, Beate Fischer und Birte Mevißen (vlnr). Quelle: Geschichtsverein

Von: Ursula Hilberath

Der Geschichtsverein feiert im April sein 120jähriges Bestehen. Der Verein blickt auf sehr bewegte Zeiten zurück. Stark wechselnde historische und stadtgesellschaftliche Entwicklungen und die zwei Weltkriege hatten großen Einfluss auf die Aufgaben und Bedingungen der Weiterarbeit.

1906 konnten die Voraussetzungen für die Gründung eines Geschichtsvereins nicht besser sein: Mülheim war durch Handels- und Kaufleute, durch Unternehmer und Industrielle seit Ende des 18. Jahrhunderts wirtschaftlich immer erfolgreicher geworden, hatte schnell die entsprechende Infrastruktur geschaffen und kam so zu Wohlstand. Um 1830 zählte Mülheim erst 6.000 Einwohner:innen. 1908, zwei Jahre nach der Gründung des Geschichtsvereins, war das hundert Jahre zuvor zur Stadt ernannte Mülheim mit 100.000 Einwohner:innen zur Großstadt geworden. Angesichts dieses Wachstums kam die Idee der Gründung – verglichen mit bereits älteren Großstädten in Deutschland – erst Jahrzehnte verspätet auf.

Mit der Gründung eines Geschichtsvereins ist in unserer Stadt ein Moment eingetreten, in und mit dem Zusammenhalt und Selbstverständnis von Mülheimer:innen wahrgenommen und demonstriert wird. Es wird die Grundlage dafür gelegt, diesem Gemeinschaftsgefühl ein Fundament der Erinnerung und Selbstvergewisserung zu verleihen. Man empfand sich selbst bereits als Teil der Geschichte, weil man sie aktiv mitgestalten und selbst zu einem historisch erinnerungswürdigen Subjekt werden konnte. Diese identitätsstiftende Funktion ist den Zielsetzungen des Geschichtsvereins immer noch inhärent, auch heute.

Die durch die wachsende Industrie zugewanderten Menschen, die unsere Stadt groß gemacht haben, verleihen seit jeher ihrer Verbundenheit mit diesem neuen Wohnort vielfältig Ausdruck. So ist auch der Geschichtsverein für alle, die hier seit Generationen leben, genauso ein Ort lebendigen Miteinanders, wie für alle, die neu hierherkommen und noch Fuß fassen wollen.

Wie hoch die Bedeutung des Geschichtsvereins angesetzt wurde, ist an den Gründungsmitgliedern abzulesen. Die Idee ging von Robert Rheinen aus, dessen Sammlung heimatkundlicher Dokumente, Bilder und historischen Hausrats später die Grundlage für das erste Museum bildete. Auch der Kaufmann Julius Leverkus war an der Initiative beteiligt.

Die Liste der Honoratioren, die sie zur Gründung vereinen konnten, ist beachtlich: Neben dem lebenslang ernannten Vorsitzenden und damaligen Oberbürgermeister von Mülheim, Dr. Paul Lembke, finden wir unter den 18 Namen Lederfabrikanten, Stadtverordnete, Reeder und Kohlegroßhändler, Ärzte, Kommerzienräte, Pfarrer, Baumeister, Lehrer. Sie bildeten einen Querschnitt der Honoratioren der Stadt und waren – erwartungsgemäß – alles Männer.

Die 15 bis 24 Vorstandsmitglieder wurden von der Mitgliederversammlung gewählt und aus ihren Reihen dann der Rechnungsführer und der Schriftführer. Der von Ihnen gewählte erste Vorsitzende blieb bis zum Ende seines Lebens in der Position. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Frauen als Mitglieder ausgeschlossen blieben und das änderte sich auch nicht, als im Jahr 1908 das neue Reichsvereinsgesetz den Frauen erstmals den Eintritt in Vereine erlaubte.

Heute sind unter den etwa 500 Mitgliedern ein Drittel weiblichen Geschlechts (was gut, aber noch nicht gut genug ist!), der vierköpfige Vorstand besteht aus drei Frauen und einem Mann, die erste Vorsitzende ist 2022 als erste Frau in das Amt gewählt.

Bis im Jahr 2018 die Satzung modernisiert wurde, hatte das Wahlverfahren von 1906 für den Vorstand Bestand. Die ein oder andere Frau hatte sich inzwischen aber auch Posten und verantwortungsvolle Aufgaben erkämpft. Bei den ehrenamtlichen Aufgaben im Museum Schloß Broich, im Lesesaal des Stadtarchivs oder auch im Tersteegenhaus war der Anteil von Frauen höher.

Die Herausgabe einer Zeitschrift und ein stadtgeschichtliches Museum waren von Anfang an geplant.

Die Zeitschrift des Geschichtsvereins

Über 100 Bände der Zeitschrift des Mülheimer Geschichtsvereins sind von 1906 bis 2025 erschienen. Durch eine unterbrochene Nummerierung haben wir im Jahr 2025 das Heft mit der Nummer 98 herausgegeben.

Am 1. Dezember 1906 erschien das erste Heft, mit 31 Seiten, einem Geleitwort, einigen eher kurzen Beiträgen zu historischen Themen, Vereinsnachrichten und einem Mitgliederverzeichnis.

Später wurden umfangreiche Aufsatzsammelbände und auch Monografien veröffentlicht. Die Zeitschrift des Geschichtsvereins erscheint heute in der Regel einmal pro Jahr. Themenschwerpunkte der ZGM sind die Geschichte von Ort und Stadt Mülheim an der Ruhr und Umgebung, alle Epochen und Aspekte der Orts- und Regionalgeschichte, insbesondere der Herrschaft Broich.

Museumspläne und Museen

Das Museum zur Stadtgeschichte, für das die Stadt die Villa Vorster in der Schollenstraße 2 zur Verfügung gestellt hatte, wurde von Robert Rheinen ab 1912 geleitet. Schon 1920 war diese Ära beendet.  1922 wurde stattdessen ein neues Museum gegründet, das sich unter der Leitung von Dr. Werner Kruse schwerpunktmäßig der Kunst widmete. Nach vielen Umzügen der heimatkundlichen Sammlungen folgte letztlich die Zerstörung durch den Bombenangriff im Juni 1943, bei der der der Vorsitzende Dr. Karl Deicke ums Leben kam. Die restlichen Bestände heimatkundlicher Sammlungen wurden Teil des Kunstmuseums, bis sie 2009 in die Obhut des Stadtarchivs kamen.

Erst 1949 startete der Geschichtsverein einen neuen Anfang. Ab 1950 bis 1970 fand der Geschichtsverein mit Arbeits- und Vorstandszimmer eine neue Heimat im Tersteegenhaus, in dem ein stadthistorisches Museum eingerichtet wurde.

1938 hatte die Stadt Schloß Broich von der Familie Stöcker gekauft. Am Ende des 2. Weltkriegs war das – nicht von Bomben getroffene – Schloss in einem schlechten Zustand. Es war Notquartier für Flüchtlinge geworden und bot Raum für kleine Handwerksbetriebe. Anfang der 60er Jahre waren Politik und Verwaltung gewillt, das Gebäude aufgrund seines maroden Zustands abzureißen und weil Wohnraum geschaffen werden sollte.

Zur Rettung des historischen Bestands veranlasste 1965 Rudolf Op ten Höfel, als 2. Vorsitzender des Geschichtsvereins, Ausgrabungen in den Burgfundamenten. Prof. Fritz Tischler vom Niederrheinischen Museum in Duisburg und der Kölner Archäologe und spätere Professor für Mittelalterforschung Dr. Dr. Günter Binding zusammen mit dem Rheinischen Landesmuseum Bonn konnten den Nachweis des spätkarolingischen Ursprungsbaus und Fundaments erbringen. Heute wissen wir, dass Schloß Broich zu den besterhaltenen Burgen der Zeit nördlich der Alpen zählt und in Bezug auf die historische Bedeutung in einem Atemzug mit Schloß Burg und Burg Linn genannt wird.

In der Folge organisierte Op ten Höfel mit dem Geschichtsverein drei Ausstellungen im Schloß Styrum, über „Schloß Broich und Schloß Styrum“ (1965), „Stadt Mülheim im 19. Jahrhundert“ (1966) und „Mittelalterliches Leben in Schloß Broich – Ausgrabungsfunde des 9. bis 14. Jahrhunderts (1967). Später fanden dann etliche Ausstellungen zu historischen Themen im Städtischen Kunstmuseum statt.

Grabungen des Geschichtsvereins in Schloß Broich

1977 erhielt der Geschichtsverein die Erlaubnis, weitere Grabungen zu unternehmen. Unter der Bauleitung von Bernd Brinkmann wurden im Innenhof zusammen mit vielen Freiwilligen samstags Mauern, Brunnen und andere Funde freigelegt. 1979 wurde das Ergebnis veröffentlicht. Ein Raum im an die Volkshochschule vermieteten Schloß wurde als Ausstellungsraum für die Grabungen genutzt, ein Zimmer für den Geschichtsverein eingerichtet.

Nach dem Umzug der Volkshochschule in ihren Neubau nebenan wurden 1979 dem Geschichtsverein von der Stadt weitere Räume im Hochschloss für Ausstellungszwecke zur Verfügung gestellt. Anlässlich des 175. Stadtjubiläums im Jahr 1983 kam es zur bis heute gültigen „Nutzungsvereinbarung“, die den Geschichtsverein im Gegenzug zum Betreiben der Ausstellung verpflichtete, das Hochschloss an Samstagen und Sonntagen für die Öffentlichkeit zugänglich zu halten. Bis heute ermöglichen dies viele engagierte und zuverlässige Ehrenamtliche.

Das Museum Schloß Broich wuchs stetig. 1992 wurde eine von der NRW-Stiftung geförderte Ausstellung des Geschichtsvereins – im Rahmen der Mülheimer Gartenschau (MüGa) – unter dem Titel „Leben auf der Burg“ organisiert. Im Jahre 2000 wurden weitere historische Exponate in den Räumen des Hochschlosses zugänglich gemacht.

Seit den Anfängen Mitte der 80er Jahre werden Führungen durch die Ausstellungen angeboten, für Schulklassen und andere Gruppen, Workshops für Kinder, Bastelbögen von Schloß Broich, Malbücher über das Leben auf Schloß Broich, Familientage, an denen mittelalterliche Kopfbedeckungen anprobiert, Wappen ausgemalt oder mit der Armbrust geschossen werden konnte. Aktuell ist eine historische Gewandung dazugekommen, die von den Kindern während der Führungen getragen werden kann. Man kann mittelalterliche Gesellschaftsspiele ausprobieren oder das Alltagsleben im Mittelalter miterleben.

Nun steht die zeitgemäße und zukunftsweisende Neukonzeption der stadthistorischen Ausstellung im Museum Schloß Broich auf der Agenda des Geschichtsvereins. Das neue Museum soll im Sommer 2027 eröffnet werden.

Das Tersteegenhaus

In den 90er Jahren wurde immer wieder die Idee des „dezentralen stadthistorischen Museums“ ins Gespräch gebracht. Das Tersteegenhaus gehörte dazu und die Öffnung wurde ehrenamtlich von Mitgliedern des Geschichtsvereins garantiert. Doch im Jahr 2016 musste das Tersteegenhaus geschlossen und generalsaniert werden, wegen massiver baulicher Mängel (Hausschwamm). Wie es mit der Verantwortung des Geschichtsvereins für das stadthistorische Museum im Tersteegenhaus nach der Wiedereröffnung weitergehen wird, ist noch unklar. Eine Neukonzeption der Ausstellung im Tersteegenhaus ist in – städtischer – Planung.

Das Stadtarchiv

Vom Geschichtsverein war maßgeblich die Einrichtung eines eigenständigen Stadtarchivs gefordert worden. Ab 1972 zunächst als Heimatbücherei in der Stadtbücherei untergebracht, befand es sich von 1980 bis 2013 in einer ehemaligen Schule an der Aktienstraße. Im September 2013 wurde das Haus der Stadtgeschichte eingeweiht, in dem der Geschichtsverein eigene Räume erhielt. Der Geschichtsverein beteiligt sich an den Aktivitäten des Hauses, insbesondere gibt es eine Kooperation bei der „Reihe zur Mülheimer Geschichte“ mit historischen Vorträgen.

Gemeinsame Aktivitäten

In den 70er Jahren entwickelten sich durch die Aktivitäten der Vorstandsmitglieder vielfältige Angebote an Vorträgen, Ausflugs- und Besichtigungsfahrten. Bis heute finden mehrere Exkursionen im Jahr statt, mal als Tagesausflug mit Bus oder Bahn, mal als Führung durch Ausstellungen, Stadtviertel oder Gebäude in der näheren Umgebung, mal als „Histowalk“ direkt vor der Haustür.

Nach dem Krieg hatten sich viele Arbeitsgruppen gebildet, z. B. wurde die Familienforschung 1965 als Fachgruppe etabliert und die Arbeitsgruppe Vor- und Frühgeschichte machte sich einen Namen auch über Mülheim hinaus, da sie sich ausgezeichnete Kenntnisse in der Bewertung von Funden, im Vermessen und Zeichnen angeeignet hatte. Sie arbeiteten 1971 in einem Fall sogar im Auftrag des Westfälischen Landesmuseums.

In den letzten Jahren sind keine Forschungsgemeinschaften mehr aktiv. Dennoch gibt es viele Mitglieder mit Spezialwissen, die anderen bei ihren Forschungen behilflich sind oder ihr Wissen in Vorträgen weitergeben, zum Beispiel zur Familienforschung.

Aber doch: es gibt eine Arbeitsgruppe, die sich 2022 gründete und die

„beste deutsche Website für Regionalgeschichte“ 

geschaffen hat. Am 28. Dezember 2022 ging die Website www.geschichtsverein-muelheim.ruhr online. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte ist damit verbunden. Was diese digitale Verbreitung der Mülheimer Geschichte bisher schon geleistet hat, ist auf der Seite selbst nachzulesen.

Auch auf Instagram und Facebook ist der Verein aktiv.

Darüber hinaus erschien im Mai 1968 der erste unseres bis heute versandten Rundbriefs, der erst monatlich herauskam und heute im Zwei-Monats-Takt per E-Mail oder Post verschickt wird. So sind alle Mitglieder über aktuelle Veranstaltungen, Aktivitäten des Geschichtsvereins und weitere interessante Termine mit regionalgeschichtlichen Themen informiert.

Der Geschichtsverein Mülheim an der Ruhr e.V. ist nicht nur mit dem Blick in die Vergangenheit befasst, er ist für die Zukunft gerüstet, hat sich breit aufgestellt, bietet ein attraktives und vielseitiges Vereinsleben, und ist ein Ort für alle, die ihre individuellen Interessen und Qualitäten für die Gemeinschaft und die Geschichte Mülheims einsetzen möchten – ganz im Sinne des jüdischen Philosophen und Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel: “Ohne Erinnerung gibt es keine Kultur. Ohne Erinnerung gäbe es keine Zivilisation, keine Gesellschaft, keine Zukunft.“

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