Jens Roepstorff
Nachdem der Kaufhof 1953 mit seinem Neubau an der Friedrich-Ebert-Straße den Konsumenten ganz neue Dimensionen eröffnet hatte, wollte auch der Konkurrent Hertie seinen Anteil am boomenden Geschäft der Wirtschaftswunderjahre. Nach geheimen Verhandlungen Anfang des Jahres 1955 über ein geeignetes Grundstück in der Mülheimer Innenstadt ging man Mitte des Jahres damit an die Öffentlichkeit. „Hertie baut Riesenkaufhaus mit 70 Metern Fensterfront“, titelte die Neue Ruhr Zeitung am 10. August 1955. Als Baugrundstück vorgesehen war eine an das Kaufhaus Priel angrenzende Baulücke auf dem Viktoriaplatz. Der erste Spatenstich sollte im Oktober erfolgen, nach 12 Monaten Bauzeit war die Eröffnung geplant. Warum das geplante fünfstöckige Warenhaus nie gebaut wurde, bleibt unklar. Die Lokalpresse erwähnte es 1957 noch einmal, dann verschwand das Thema aus den Schlagzeilen. Möglich, dass die im Raum stehenden Pläne der Konkurrenz (Erweiterungsbau des Kaufhofs, Ansiedlungspläne von C&A) die Firma Hertie vor Ort ausgebremst haben.
Seit Kriegsende war das Gelände zwischen Hauptbahnhof und Dickswall eine riesige Brache, ein großer weißer Fleck mitten im Herzen von Mülheim. Die Bomben der Alliierten hatten hier kaum einen Stein auf dem anderen gelassen. Lange Zeit ließ die Stadtverwaltung diesen östlichen Teil der Innenstadt bei der allgemeinen Wiederaufbauplanung außen vor, kaufte zur Arrondierung weitere Grundstücke dazu und bereitete hinter den Kulissen eine Baumaßnahme vor, die das Bild der Innenstadt grundlegend verändern sollte. Vorerst standen nur vereinzelt – meist kriegsbeschädigte – Gebäude auf dem Gelände; der größte Teil der Fläche war eingeebnet und diente als Behelfsparkplatz und Busbahnhof. Dies änderte sich 1965. Unter der Federführung des Architekten Lautz wurde die „Aufbaugemeinschaft Mülheim Stadtmitte II“ gegründet, um das brachliegende Areal mit vier Wohnhochhäusern sowie einem Einkaufszentrum zu bebauen und so mit neuem Leben zu füllen. Der Standort war schon zuvor nach dem bekannten Gewerkschafter auf den Namen Hans-Böckler-Platz getauft worden. Als Bauträger des Großprojekts fungierte der IDUNA-Konzern; Rat der Stadt, Stadtverwaltung, Einzelhandelsverband, Kreishandwerkerschaft und IHK saßen mit im Boot und beteiligten sich an der Planung.
Im Juni 1968 wurde bekannt, dass neben dem Einkaufszentrum zusätzlich ein großes, modernes Warenhaus geplant war. 30 Millionen Mark sollten dabei investiert werden, wobei der Investor zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich genannt wurde. Ende Dezember 1969 gab die Lokalpresse dann die Antwort auf diese noch offene Frage: Hertie. Im zweiten Anlauf nach 1955 plante das Unternehmen jetzt ein noch größeres Warenhaus als zuvor mit über 15.000 qm Verkaufsfläche auf fünf Etagen.
Die Eröffnung des Hertie-Warenhauses wurde zusammengelegt mit der Inbetriebnahme des angrenzenden Einkaufszentrums, das unter dem Namen City Center Mülheim (CCM) am 13. März 1974 zusammen mit dem neugestalteten Hans-Böckler-Platz offiziell eröffnet wurde. Eine kleine Besonderheit des City Centers war der Kinderhort, der zwischen Warenhaus und Einkaufszentrum angesiedelt war und den Eltern die Möglichkeit gab, ihre Sprösslinge dort während des Einkaufsbummels betreuen zu lassen.
Das City Center samt Hertie-Kaufhaus stellte einen Meilenstein in der städtebaulichen Planung Mülheims dar. Dennoch hatte das Projekt von Anfang an mit Problemen bei der Vermietung der rund 70 Ladenlokale zu kämpfen, und auch für Hertie erfüllten sich die Umsatzerwartungen nicht. Bereits fünf Jahre nach der Eröffnung, im März 1979, ließ die Konzernzentrale mitteilen, dass die Mülheimer Filiale umstrukturiert werden solle. Die Verkaufsfläche sollte um 4.300 qm reduziert werden, u.a. durch die Aufgabe der Möbelabteilung und die damit verbundene Schließung der gesamten vierten Etage. Eine komplette Schließung des Kaufhauses hatten zuvor die Stadt Mülheim sowie die Firma IDUNA verhindern können, indem sie Investitionen zur Steigerung der Attraktivität des City Centers zugesagt hatten. Die Umgestaltung von Center und Kaufhaus wurde in den folgenden Monaten vorangetrieben und am 25. Oktober 1979 mit einer großen Einweihungsfeier abgeschlossen. Doch auch in den kommenden Jahren kehrte keine Ruhe ein. Immer wieder stand der Standort Mülheim für den Hertie-Konzern zur Disposition. 1984 – 10 Jahre nach der Eröffnung – war das Verkaufspersonal von ehemals über 800 auf nunmehr 350 Mitarbeiter geschrumpft. Am 19. September 1990 verkündete Hertie das endgültige Aus für seinen Mülheimer Standort zum Jahresende. Dem vorausgegangen war der Verkauf des City Centers an die Investorengruppe Voswinkel/Büll/Liedtke, in deren Ausbau- und Umgestaltungspläne Hertie in seiner bisherigen Form nicht hineinpasste. Am 15. Dezember 1990 öffnete das Kaufhaus zum letzten Mal.
