Jens Roepstorff
Bereits 1955 war für das nach dem Krieg brachliegende Grundstück zwischen Leineweberstraße und Delle vom Rat der Stadt ein Durchführungsplan verabschiedet worden, der eine konventionelle Bebauung mit einem Gebäudeviereck vorsah. Eine Passage sollte mittendurch führen und den Blick auf die damals noch stehende Paulikirche freigeben. Die Häuser sollten an der Leineweberstraße maximal fünfstöckig, an der Delle nur dreistöckig sein. 1961 wurde dieser Bebauungsplan jedoch wieder verworfen und durch einen neuen ersetzt, der nun einen Hochhausriegel am hinteren Ende des Grundstücks zur Ruhrstraße vorsah, davor jedoch eine wesentlich niedrigere und offenere Bebauung. Es war die Rede davon, die Innenstadt an dieser Stelle nicht zuzubauen, sondern „zu lüften“. Einspruch gegen diesen Beschluss kam von der Stinnes-Erbengemeinschaft, der das Grundstück gehörte. Durch die niedrige Bebauung im vorderen Bereich seien die Nutzungs- und Vermarktungsmöglichkeiten zu eingeschränkt. Ein Versuch der Stadt, das Grundstück zu kaufen und selbst zu vermarkten, scheiterte an den überzogenen Preisvorstellungen der Eigentümer. Während die Stadt bereit war, 300 DM pro Quadratmeter zu zahlen, verlangte die Familie Stinnes mit 1.000 DM mehr als das Dreifache. Auch andere Interessenten, darunter einige Versicherungsunternehmen, die an dem Hochhausriegel Gefallen fanden, stiegen angesichts des geforderten Kaufpreises aus den Verhandlungen aus. Daraufhin beschloss die Stadtverwaltung, auf die Stinnes-Wünsche einzugehen. Der Baukörper rund um den Hochhausriegel wurde aufgestockt, die Nutzfläche somit vergrößert. Eine Freifläche vor dem Gebäudekomplex sollte erhalten und unbebaut bleiben. Diese Fläche gehörte allerdings der Stadt Mülheim, so dass die Erbengemeinschaft Stinnes hier keine Einwände vorzubringen hatte. Noch bevor der Rat der Stadt diesen neuen Bebauungsplan verabschieden konnte, ging im Januar 1964 bei der Verwaltung eine Bauvoranfrage des Speldorfer Architektenbüros Volkmann & Vieweg bezüglich dieses Grundstücks ein. Der Entwurf deckte sich mit den jüngsten Planungen seitens der Stadt und stieß somit auf keinen Widerstand. Der hinter den Architekten stehende Interessent wurde erst zwei Monate später bekannt: der Warenhauskonzern Neckermann.
Nach schwierigen Verhandlungen mit der Landesbaubehörde, die den ursprünglichen Bebauungsplan von 1955 favorisierte, und mit dem Bauherrn Neckermann, der das vorgesehene Hochhaus nicht unbedingt wollte, dafür aber einen mehrgeschossigen Warenhauskörper, konnte am 7. April 1965 endlich der Grundstein für dieses Großprojekt gelegt werden. Unternehmenschef Josef Neckermann war höchstpersönlich vor Ort, um eine Kupferkassette mit einer Urkunde, drei Mülheimer Tageszeitungen und einem aktuellen Neckermann-Katalog im Grundstein zu deponieren. Oberbürgermeister Thöne versuchte in seiner Ansprache, die um ihre Einkünfte bangenden Einzelhändler zu beruhigen. Die Stadt werde noch kräftig wachsen, so Thöne, so dass „an dieser Krippe noch mehr Menschen satt werden [als nur die großen Kaufhäuser]“. Dieser zweite Neubau in der Innenstadt sollte seiner Meinung nach die Mülheimer Bürger noch stärker dazu bewegen, in ihrer eigenen Stadt einzukaufen und nicht außerhalb.
Nach einer Bauzeit von gerade einmal sieben Monaten konnte das Kaufhaus, die 28. Filiale von Neckermann bundesweit, am 19. November 1965 eröffnet werden. Damit waren die Neckermänner dem Konkurrenten Karstadt zuvorgekommen, der ebenfalls Interesse am Standort Mülheim gezeigt hatte. 850 Mitarbeiter, davon 650 im Verkauf, sorgten dafür, die Kundenwünsche zu erfüllen. Besonderheit war ein Restaurant („Erfrischungsraum“) im 10. Stock des Hochhausriegels, das aber aufgrund technischer Probleme erst mit mehrwöchiger Verspätung eröffnet werden konnte.
Keine 10 Jahre später, im September 1975, schockierte die Vorstandsetage der Firma Neckermann die Mülheimer Stadtväter mit Überlegungen, den Standort in Mülheim an der Ruhr aufzugeben. Als Versandhaus sei man daran interessiert, mit Warenhäusern vor allem dort präsent zu sein, wo viele Versandhauskunden lebten. Dies traf auf Mülheim offenbar nicht zu. Zudem gab es Probleme mit der Vermarktung des Hochhauses, das zur Einrichtung von Verkaufsräumen ungeeignet war und offenbar mit Leerständen zu kämpfen hatte. Die Umsätze des Warenhauses dagegen waren laut lokaler Geschäftsführung hervorragend und wohl nicht der Stein des Anstoßes. Die Verhandlungen mit potentiellen Käufern zogen sich hin, bis schließlich die Stadtsparkasse, die schon lange aus Platzgründen einen Neubau plante, den Zuschlag erhielt. Im Juni 1978 schloss Neckermann seine Mülheimer Filiale, im September 1979 begann der Abriss. Am 19. März 1980 wurde in einer spektakulären Aktion der Hochhausturm als letztes Element des Gebäudekomplexes gesprengt. Mitte April, sieben Monate nach Beginn, waren die Abbrucharbeiten beendet. 30 Millionen DM hatte der Bau einst gekostet, keine 15 Jahre hatte er gestanden.
