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Das Rauchhühnergeld der Broicher Untertanen

Ansicht von Mülheim um 1750 (Kolorierter Kupferstich von Jacob Becker)
Ansicht von Mülheim um 1750: Kolorierter Kupferstich von Jacob Becker (Quelle: Stadtarchiv)

von: Franz Verhaag

Selbstverwaltung  im 17. und 18. Jahrhundert

Der Rechtsstaat des 21. Jahrhunderts kommt nicht ohne Steuern und Abgaben aus, um die Aufgaben eines Sozialstaates für das Gemeinwohl der Bürgerinnen und Bürgern auf allen kommunalen Ebenen zu gewährleisten.

Gab es im ausgehenden Mittelalter bereits Steuern, die von den Untertanen an die Obrigkeit gezahlt werden mussten??

Wenn wir die überlieferten Geschichten und Dokumente über das Leben der Menschen lesen, die in der Herrschaft Broich gelebt haben, erfahren wir durchaus interessante Dinge.

Die ersten Abgaben wurden in Form von Naturalabgaben erhoben. Bekannt ist das Rauchhühnergeld, benannt nach dem Huhn im Rauchfang. Um Fleisch haltbar zu machen, wurde es nach dem Schlachten der Tiere in den Kamin gehängt und dort geräuchert. Je nach Anzahl der Feuerstätten in einem Haus wurde die Lieferung von Hühnern oder Kaninchen an die Herrschaft fällig. Offiziell hieß diese Steuer Feuerstättengeld. Im 17. Jahrhundert wurde die Naturalabgabe ersetzt durch Geld: den Bergischen Taler. Schon damals gab es Regeln, die sozialen Härten berücksichtigen. So war eine Witwe ebenso von den Abgaben befreit, wie Arme und die ehrenamtlich tätigen Wegmeister, Obermänner, oder Pumpenmeister.  Auch Familien, die ein Haus bauten, wurden vorübergehend von der Zahlung freigestellt.

Wie groß der Bevölkerungszuzug in Mülheim bereits weit vor dem Beginn der Industrialisierung war, zeigen die Abgabenlisten für die Herrschaft Broich.

Um das Jahr 1600 waren 506 Familien abgabenpflichtig. 120 Jahre später, im Jahr 1721 waren es bereits 1.181 Familien. 
In Mülheim hat sich der Wandel von der ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft zu gewerblichen Tätigkeiten deutlich früher vollzogen als in anderen Orten des später sich bildenden Ruhrgebietes.

Eine Ursache hierfür ist ein Erlass von Graf Wilhelm Wirich von Daun Falkenstein, der bereits 1654 für die Zunft der Schmiede und 1659 für die Löher (Gerber) besondere Privilegien gewährte. Dies hatte zur Folge, dass gerade junge Menschen sich hier niederließen und durch das Ausprobieren neuer Techniken die Produktivität für Werkzeuge und Waffen wuchs.

Das Leder war bis weit in das 20. Jahrhundert als Grundmaterial für eine Vielzahl von Branchen unverzichtbar. Mülheim erlangte auch hier eine besondere Bedeutung, nicht zuletzt durch den Zuzug von Fachkräften, die hier eine gute Basis für unternehmerische Tätigkeiten sahen. Beispielhaft sei die Familie Coupienne genannt, die aus Belgien stammte und in Mülheim über mehrere Generationen die Herstellung von Leder und Lederprodukten betrieben hat.

Mit dem Anwachsen der Bevölkerung im Dorf Mülheim (rund um den Kirchenhügel) als auch in der Herrschaft Broich wurden immer mehr Straßen gebraucht.  Die Delle war im 17. Jahrhundert die meistfrequentierte Straße der Stadt. Die Pflege der Straßen oblag den Anwohnern. Diese bestimmten aus ihren Reihen den Wegemeister, der für einen guten Zustand der Straßen verantwortlich war. Eine weitere wichtige Aufgabe war der Zugang zu frischem Wasser, denn das kam zu dieser Zeit nicht aus dem häuslichen Wasserhahn. Die Anwohner einer Honnschaft (abgeleitet von Hundertschaft) bestimmten einen Pumpenmeister aus ihrem Viertel. Dieser war zuständig für die Instandhaltung der Pumpen, die für die Anwohner zugänglich waren und das notwendige Wasser lieferten.

Die Vereinbarungen über die gemeinschaftlichen Aufgaben basierten auf einer Vertrauensbasis zwischen allen Beteiligten. Sie waren nirgendwo aufgeschrieben, wurden jedoch über Jahrhunderte praktiziert. Die Obrigkeit hatte nur geringe Einwirkungsmöglichkeiten und konnte auch keine gewählten oder bestimmten Obermänner, Wegemeister oder Honnen ablehnen.

Diese Form einer frühen Selbstverwaltung wurde  von Napoleon durch Aufhebung aller feudalen Strukturen beendet.  Mülheim gehörte ab 1806 zum Großherzogtum Berg. Die preußische Städteverwaltung im 19. Jahrhundert hat viele dieser neuzeitlichen Bestimmungen übernommen.

Quellen:
Rudolf op ten Höfel: Kleine Geschichte der Stadt Mülheim, Zeitschrift des Geschichtsvereins Mülheim a. d. Ruhr, 54/1978

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