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Mülheim an der Ruhr – Stadt der Gerber und des Leders

Lederindustrie, Quelle: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr

Von: Melanie Rimpel

Ein Jahrhundert ist nun vergangen, seit im Jahr 1908 in der Denkschrift zur Jahrhundertfeier der Stadt Mülheim an der Ruhr der „europäische Weltruf“ unserer Stadt gerühmt wurde. Ein Weltruf, den die Stadt Mülheim an der Ruhr durch eine Industrie erlangte, die fast vergessen scheint: die Mülheimer Lederindustrie. Um 1920 erreichte die Lederproduktion Mülheim ihre Hochzeit. Mit über 50 Lederfabriken war Mülheim Lederstadt Nummer 1 in ganz Deutschland. Nur in den 1980er Jahren erreichte die Produktion noch einmal einen vergleichbaren Höhepunkt.

Von den ersten handwerklichen Gerbereien bis hin zu den großen Fabrikationen hat die Entwicklung der Lederindustrie die Stadtgeschichte Mülheims geprägt. Darüber hinaus hatten die Mülheimer Lederfabrikanten seit dem 19. Jahrhundert bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der Lederindustrie in Deutschland.

Bis heute lassen sich die Spuren der Lederindustrie und ihrer Entwicklungsstufen im Stadtbild ablesen: Löhereien und Lederfabriken als bauliche Zeugen belegen noch heute die vor- und hochindustriellen Wirtschaftsperioden der Lederherstellung in Mülheim. Von der Blütezeit der Mülheimer Lederindustrie zeugen darüber hinaus nicht nur imposante Fabrikgebäude, sondern auch die Villen der Lederfabrikanten.

Lederherstellung in Mülheim an der Ruhr – oder „man soll die Häute zur Rinde tragen“

Die Wurzeln der Mülheimer Lederindustrie reichen zurück bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts.
Am 19. März 1639 legte Graf Wilhelm Wirich von Daun-Falkenstein als Herr der Herrschaft Broich mit der Einrichtung einer Schuhmacher- und Löherzunft in Mülheim den Grundstein für diese Erfolgsgeschichte. So fanden die Schumacher und Löher bereits damals in und um Mülheim ideale Bedingungen für ihre Betriebe, galt doch die Gerberweisheit „man soll die Häute zur Rinde tragen“:
Die Bauernhöfe der Umgebung mit dem Schwerpunkt der Rinderhaltung lieferten an Markt- und Schlachttagen ausreichend Rohware. Die Rinderhäute stellten die Grundlage für die Lederherstellung dar. Die Eichenwälder um Mülheim boten mit der Eichenrinde den notwendigen Gerbstoff. Die in der Rinde enthaltenen Gerbstoffe sind zuständig für die Umwandlung der rohen Haut zu Leder. Die wichtigste Grundlage für die Gerbereien war und ist jedoch zu jeder Zeit das Wasser.
    Das vor allem in den Anfängen der Lederherstellung in großen Mengen benötigte fließende Wasser lieferten die vielen Zuflüsse der Ruhr. Die Ruhr und ihre Ufer selbst waren lange Zeit aufgrund der Hochwassergefahr als Standort für das Gerberhandwerk ungeeignet, denn nichts scheute ein Gerber mehr, als dass ihm „die Felle wegschwammen“ und seine Existenz zerstört wurde. So lagen die beliebten Standorte der vorindustriellen Gerbereien an den vielen, sich aus den Seitentälern ergießenden Bächen. Diese schnell fließenden Gewässer bevorzugten die Gerber zudem wegen ihrer Reinheit und ihrer niedrigen Temperatur.

Die Ufer der Mülheimer Bäche – bauliche Zeugnisse vorindustrieller Gerberei

Die kleinen handwerklichen Gerbereien waren meist reine Familienbetriebe mit nicht mehr als zwei Personen. Pro Arbeitskraft konnte am Tag eine Haut so weit vorbereitet werden, dass mit der Gerbung begonnen werden konnte. Bei der damals üblichen Gerbzeit von bis zu zwei Jahren, bis die Rohhaut zu Leder umgewandelt war, konnte saisonal verkauft und gekauft werden. Obwohl diese Kleinbetriebe nur einen recht geringen Platzbedarf hatten, waren die Gerbereien so eingerichtet, dass dass Arbeitsablauf reibungslos gewährleistet war.
    Die Gebäude lagen direkt am Bachlauf, so dass die Rohhäute gebäudenah zum Reinigen und Wässern in das fließende Wasser eingehängt werden konnten. Möglichst nah am Ufer waren auch die übrigen Bereiche der Gerberei angelagert, die Wasserwerkstatt mit dem Gerberbaum zum Enthaaren und Entfleischen und die Gerbgruben, in denen die Häute in der Gerbbrühe zu Leder umgewandelt wurden.
     Als Besonderheit galt in Mülheim, dass bereits zu dieser Zeit die Gerber die Standorte für ihre Gerbereien selbst und frei aussuchen durften. So reihten sich die vorindustriellen Gerbereien an den zwei Flussarmen des Ru(h)mbaches bis in das Stadtzentrum, die wichtigsten Gerbereien hier waren die der Gerber Coupienne und Rühl. Aber auch im Bereich der Mündung, in der Wall¬straße und in der Schollenstraße, lagen eine ganze Reihe Gerbereien dicht an dicht. Bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts prägte das Bild der Lederfabrik Coupienne (Köhle 11) den Kaiserplatz mitten im Stadtzentrum. Jean-Baptiste Coupienne, „Stammvater“ der Mülheimer Lederindustrie, gründete im Jahr 1808 seine Gerberei.

Zahlreiche Gerbereien siedelten sich auch am mittleren Lauf des Bruch¬bachs, im Bereich Eppinghofen, entlang der Bruch-, Sand-, Aktien-, Seiler-¬ und Eppinghofer Straße an. Obwohl der Verlauf des Bruchbachs heute nur noch zwischen Mühlenstraße und Boverstraße im Horbachtal als Horbach offen liegt, ist an der Eppinghofer Straße sein Lauf durch die Bauten der ehemaligen vorindustriellen Gerberei Hörschgen nachvollziehbar. Im Hinterland der Eppinghofer Straße hat sich das alte Fachwerkhaus, nun zu Wohnzwecken umgenutzt, bis heute erhalten. Auch in Speldorf, am Speldorfer Bach in der Speldorfer Aue, wo einst die ältesten Beitriebe angesiedelt waren, bezeugen nur noch alte Fachwerkhäuser den früheren Bachverlauf. Als Standort hatten die Gerbereien hier die zweite Hälfte des Bachlaufs vorgezogen, beginnend am Schnittpunkt von Heer-, Hansa- und Duisburger Straße. Kleine Fachwerkhäuser an der Hansastraße, ehemalige vorindustrielle Gerbereien, die heute ebenfalls als Wohnhäuser genutzt werden, bezeugen diesen Standort.

    Bereits zu einer Zeit, als das Broicher und Saarner Ruhrufer durch die Lederindustrie besiedelt wurde, ließ sich hier als letzte Gerberei im Jahr 1907 die Lederfabrik Hammann nieder, da am bisherigen Standort der Gerberei „Am Froschenteich“ keine Erweiterungsmöglichkeiten bestanden. Heute ist die Lederfabrik Hammann an der Hansastraße eine der beiden letzten produzierenden Lederfabriken in Mülheim. Die Fortführung der Tradition und gerbereitechnische Erkenntnisse -bis heute wird vegetabil, das heißt mit pflanzlichen Gerbstoffen, gegerbt- haben den Fortbestand der Produktion gesichert.
    In den Gemeinden Saarn und Broich enstanden die ersten Gerbereien ab Mitte des 19. Jahrhunderts, bevorzugt waren Grundstücke am Bühlsbach und dem Saarner Aubach, die bei der Lederfabrik Lindgens zusammenflossen. Hier an der Grenze von Saarn und Broich entstand in den folgenden Jahrzehnten der Kern der Mülheimer Lederindustrie. Kassenberg und Düsseldorfer Straße wurden zu Mülheims Lederstraße, an der sich Lederfabriken und lederverarbeitende Betriebe aufreihten. Bis heute haben sich hier sowohl produzierende -Lindgens und Funcke-, als auch bereits umgenutzte Lederfabriken -Abel und Möhlenbeck- erhalten.
    Obwohl die Lederherstellung Anfang des 19. Jahrhunderts noch weit von ihrer Blüte entfernt war, entstanden bereits zu dieser Zeit Mülheimer Leder von besonderer Qualität. Die Mülheimer Glanzvachetten, ein durch besondere Bearbeitung veredeltes Leder für Geschirr- und Kumetherstellung, waren auf den Messen in Frankfurt und Leipzig berühmt; für sie wurde jeder geforderte Preis bezahlt.
    Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann der Übergang von der handwerklichen, vorindustriellen Lederherstellung zur industriellen Lederproduktion und die Ruhr gewann mehr und mehr Bedeutung für die Mülheimer Lederindustrie. Die frühe Industrialisierung des Ruhrgebietes durch Bergbau und Eisenindustrie eröffnete bedeutende Absatzmärkte und förderte die Ruhrschifffahrt. So entstand einerseits ein hoher Bedarf an Arbeiterschutzartikeln aus Leder, anderseits benötigte die Ruhrschifffahrt als Treidelschifffahrt stets große Mengen an Geschirr- und Kumetledern. Gleichzeitig diente sie den Fabrikanten als Zulieferer ausländischer Häute und Gerbstoffe, die sie auf dem Rückweg aus den holländischen und belgischen Häfen mitbrachte.

Die rasante Entwicklung der Lederindustrie

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts setzte eine verstärkte Nachfrage nach modisch, verfeinerten Sattlerledern ein. Vor allem jedoch die Nachfrage nach Lackvachetten für die Wagenfabrikation, wie sie in Frankreich bereits hergestellt wurden, öffnete der Mülheimer Lederindustrie einen lukrativen und zukunftsweisenden Markt.
    In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte die Lederindustrie insgesamt einen rasanten Aufschwung, als durch die Bevölkerungszunahme und die allgemeine industrielle Entwicklung der Lederbedarf auf allen Gebieten anstieg. Der Einsatz der neu entwickelten Maschinen und die Produktionssteigerung durch Akkordarbeit mit strikter Arbeitsteilung veränderte das traditionelle Berufsbild des Gerbers. Zwischen 1875 und 1907 stieg die Zahl der in deutschen Gerbereien beschäftigten Personen um 10.000 auf 52.000, die Anzahl der Betriebe mit mehr als 200 Mitarbeitern vervierfachte sich. Die Lederindustrie hatte sich zur drittgrößten Industriebranche in Deutschland entwickelt.
    Dieser „Siegeszug“ der deutschen Lederindustrie hinterließ auch in Mülheim an der Ruhr seine Spuren, denn in diese Zeit fallen auch hier die Gründungen der bekanntesten Mülheimer Lederfabriken: 1861 wurde die Lederfabrik Ludwig Lindgens (Broich) gegründet, nach Coupienne der zweite „Stammvater“ der Mülheimer Lederindustrie; 1864 Abel (Broich), 1868 Funcke (Broich), 1879 Hammann, 1890 Möhlenbeck (Saarn) und im selben Jahr auch die Lederfabrik Rühl (Saarn). Nach der Jahrhundertwende folgten die Fabriken Fassbender (1910) und Feldmann (1918). Im Jahr 1924 sollte die Lederindustrie dann mit über 50 Fabriken ihre Hochzeit erleben.
    Eine der wichtigsten Grundlagen für diese Entwicklung in Mülheim bot die seit Anfang des 19. Jahrhunderts begonnene Regulierung der Ruhr flussaufwärts Richtung Essen. Im Bereich Broich und Saarn wurde durch diese Maßnahme das Hochwasserrisiko weitestgehend kalkulierbar, entlang einer der wichtigsten Verbindungsstraßen ins Umland, entlang des Kassenbergs und seiner Verlängerung, der Düsseldorfer Straße, entstand großflächig Bauland.
Einhergehend mit der Besiedlung dieses neuen „Lederindustrie-Gebietes“, das sich bis in die 1960er Jahre mit seinen Fabriken, Fabrikanten- und Arbeiterwohnungen erhielt, wurden die Produktionsstätten hier sofort im „Fabrikstil“ errichtet. Durch die gerbereichemischen Entwicklungen wie auch maschinellen Errungenschaften wurde die Entwicklung der Lederindustrie unaufhaltbar. Vor allem in den größten Fabriken Lindgens und Coupienne erforderte die ständig wachsende Produktion ab der Jahrhundertwende fast jährliche Erweiterungen; es entstanden Lackierfabriken, Wasser- und Kalkwerkstätten. Lindgens und Coupienne waren Vorreiter bei der Entwicklung der Lederfabrikation hin zu Großbetrieben.
    Die allgemeine Maschinisierung von Produktionsprozessen eröffnete den Lederfabrikanten nicht nur neue Produktionsabläufe, sondern auch neue Märkte z.B. für Treibriemenleder. Vor allem die 1868 gegründete Lederfabrik Funcke machte sich auf diesem Markt einen Namen und war auch noch in späteren Generationen einer der größten Treibriemenproduzenten Europas.
    Auch die Entwicklung der Eisenbahn bot der Lederindustrie einen neuen Absatzmarkt für Lederwaren, da der Bedarf an Polsterledern stieg und die verstärkte Reisetätigkeit gleichzeitig die Nachfrage nach Leder für Koffer und Taschen erhöhte. So lieferte die Mülheimer Lederindustrie nicht nur große Mengen Leder für die Offenbacher Täschnerindustrie, sondern auch Polsterleder für die Eisenbahn und später auch für die Automobilindustrie, die zudem noch Mülheimer Lackvachetten für Verdecke bezog.

Lederindustrie im 20. Jahrhundert

Während des ersten Weltkrieges erlebte die Mülheimer Lederindustrie durch die Heereslieferungen erhebliche Steigerungen der Produktion, gleichzeitig stieg die Zahl der Neugründungen. Im Jahr 1919 produzierten in Mülheim um die 40 Lederfabriken. Doch mit dem Krieg war der Handel mit den Weltmärkten zum Erliegen gekommen, in der Nachkriegszeit stand der mühsame Aufbau neuer Handelsbeziehungen und neuer Produktlinien im Mittelpunkt. Schon wenige Jahre später, die Lederfabriken hatten sich erneut auf dem Weltmarkt platziert, stellte sich mit und nach dem zweiten Weltkrieg erneut diese Problematik. Von Zerstörungen weitestgehend verschont, verschärfte in der Nachkriegsphase einerseits die geringe Nachfrage nach Lederwaren andererseits die Behinderung des Haut- und Gerbstoff- sowie Chemikalienimportes die Situation der Lederfabriken. Wieder stand ein neuer Aufbau der Handelsbeziehungen und neuer Produkte an, vor allem jedoch die Erschließung neuer Märkte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlag die Lederindustrie, wie auch andere Industrien, starken Strukturschwankungen. Neue Materialien wie Kunststoffe führten dazu, dass vereinzelte Absatzmärkte wegbrachen. Stärker jedoch hatten die steigenden Umweltauflagen zur Abwasserreinigung Einfluss auf die Lederindustrie – in ganz Deutschland. In der Lederindustrie vollzog sich ein Wandel, der einerseits zur Folge hatte, dass viele Lederfabriken schließen mussten. Gleichzeitig gab es eine weltweite Umstrukturierung in der Lederherstellung; ein Teil der Fabrikationen spezialisierte sich auf die Vorarbeiten, der andere auf die Herstellung des Endproduktes. So produzieren die Fabriken in Mülheim heute nicht mehr von der rohen Haut bis zum Endprodukt Leder, sondern lassen nun die Vorarbeiten in Lohnarbeit an anderen Standorten – europaweit – durchführen.
Im Jahr 2008 existieren mit Lindgens und Hammann noch zwei produzierende Lederfabriken in Mülheim. Auch wenn sie nicht mehr von der rohen Haut bis zum fertigen Leder arbeiten, so produzieren sie doch in Tradition hochwertigste Leder. Beide sind nun in der Hand anderer Unternehmensgruppen.
    Entlang der Düsseldorfer Straße und des Kassenbergs ist die einstige Dichte der Lederindustrie heute kaum noch nachvollziehbar. Bis auf die beiden unter Denkmalschutz stehenden Fabriken Abel – hier befindet sich heute das Leder- und Gerbermuseum, das die Industriegeschichte der Mülheimer Lederherstellung erstmals umfassend zeigt – und Möhlenbeck sind die meisten anderen Fabrikgebäude entweder stark überformt oder bereits abgebrochen. Auch in anderen Bereichen der Stadt sind die Fabrikgebäude meist so stark verändert, dass ihre ursprüngliche Nutzung nicht mehr erkennbar ist.

Die Villen der Lederfabrikanten

Neben den baulichen Zeugnissen der Fabrikgebäude, die noch heute im Bereich Kassenberg und Düsseldorfer Straße die wirtschaftliche Entwicklung der Lederindustrie Mülheims verdeutlichen, sind die Villen der Lederfabrikanten als stadtbildprägende Elemente erhalten.
Gerade die Wohnverhältnisse der Firmen¬gründer geben Aufschluss über den wirtschaftlichen Aufstieg der Mülheimer Lederindustrie. Mit der Entwicklung der handwerklichen Gerbereien zu industriellen Lederfabriken änderte sich auch der soziale Status der Besitzer, aus Gerbern wurden Fabrikanten. Diese Veränderung drückte sich auch in ihrer Lebensform aus. In der Gründerphase der Betriebe lebten sie in der Regel mit auf dem Gerbereigelände oder in unmittelbarer Nachbarschaft -als Beispiel hierfür ist das in die Fabrik integrierte Wohngebäude des Fabrikanten Abel zu nennen.
    Die um die Jahrhundertwende einsetzenden wirtschaftlichen Erfolge und die wachsende europaweite Bedeutung der Mülheimer Lederfabriken steigerten gleichzeitig das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung. So orientierten sie sich am Lebensstil des städtischen Bürgertums und reihten sich ein in die Riege der Auftraggeber stattlicher Villen. Häufig ging der Umzug in die neu erbaute Villa einher mit einem Ausbau der Fabrik. Trotz dieses Umschwungs blieben die Fabrikanten doch ihrem Ideal treu. Die neuen Domizile lagen entweder noch neben der Fabrik -Villa Möhlenbeck- oder zumindest in ihrer unmittelbaren Nähe. Eine für die Frühindustrialisierung typische Erscheinung, die sich in Mülheim jedoch zu einem besonderen Charakteristikum der Fabrikantenvillen entwickelte, da sich hier diese enge Verknüpfung von Wohnen und Produktionsstätte bis in das 20. Jahrhundert hielt. Als weitere Besonderheit gilt, dass die Bauherren der Villen entlang des Broicher Ruhrufers eine sozial und branchenspezifisch homogene Gemeinschaft darstellten, die zum Teil auch noch durch verwandtschaftliche Beziehungen gekennzeichnet war. Im Gegensatz zu dieser sozialen Homogenität steht die Architektur der Fabrikantenvillen, so erstreckte sich der stilgeschichtliche Verlauf der Villenbautätigkeit doch von der Deutschen Renaissance über die Neugotik bis hin zum Heimat- und Jugendstil und variierten die einzelnen Gebäude doch in Größe und Repräsentativität sehr stark.
Herausragendstes Beispiel einer Mülheimer Lederfabrikanten-Villa ist die des Jean-Baptiste Coupienne am Kahlenberg – Haus Urge. Bei den Mülheimern als „Stinnes-Villa“ bekannt, ist dieses Gebäude einzig in seiner repräsentativen Gestaltung unter den Villen der Lederfabrikanten und findet daher in diesem Band eine ausführliche Würdigung in dem Beitrag Daniel Mennings über großbürgerliche Villen der Kaiserzeit in Mülheim an der Ruhr.

(Aus: Zeugen der Stadtgeschichte: Baudenkmäler und historische Orte in Mülheim an der Ruhr, hrsg. vom Geschichtsverein Mülheim an der Ruhr e.V., Klartext Verlag, Essen 2008)

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