Oberbürgermeister Edwin Hasenjäger 1936 -1946

Der Mülheimer Oberbürgermeister Edwin Hasenjaeger, 1936-1946 (Quelle: Stadtarchiv)

von: Thomas Emons

„Er war eine ambivalente Persönlichkeit, die in der Grauzone zwischen Karrierismus und regimekritisch abweichenden Verhalten agierte.“ So charakterisiert der Historiker und Archivpädagoge Patrick Böhm den Mülheimer Oberbürgermeister Edwin Hasenjaeger.

Der aus Pommern stammende Jurist, der 1972 im Alter von 83 Jahren in seiner Wahlheimat Mülheim an der Ruhr verstorben ist, stand in den Jahren 1936 bis 1946 als Oberbürgermeister an der Spitze von Rat und Verwaltung. Bis 1933 Mitglied der monarchistischen Deutschnationalen Volkspartei, trat Hasenjaeger im Mai 1937 der NSDAP bei, nachdem er sich zuvor schon der Deutschen Arbeitsfront und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt angeschlossen hatte.

„Du hättest eigentlich im KZ umkommen müssen!“, muss sich Hasenjaeger 1956 von seiner Tochter Margarete Pferdmenges anhören und erwidert ihr: „Mein liebes Kind, an der Stelle, wo ich stand, konnte ich Schlimmeres verhüten und außerdem soll man kein schmutziges Wasser ausgießen, wenn man kein sauberes hat.“

Mit diesem Zitat, der Hasenjaegers Zwiespalt charakterisiert, steigt Patrick Böhm in seinen Vortrag im Stadtarchiv, das seit über einem Jahr sein Arbeitsplatz ist, anschaulich ein. Böhm beleuchtet Hasenjaegers helle und dunkle Seiten. Hasenjaeger kauft 150 Zeichnungen des Mülheimers Otto Pankok, als dieser von den Nationalsozialisten als „entarteter Künstler“ mit einem Berufsverbot belegt wird. Der Verwaltungsfachmann Hasenjaeger saniert ab 1936 die von seinem nationalsozialistischen Amtsvorgänger Wilhelm Maerz ruinierten Stadtfinanzen und stellt den regimekritischen Schriftsteller Herbert Burgmüller, der seine Anstellung bei der gleichgeschalteten Frankfurter Zeitung verloren hat, bei der Stadtbücherei an. Und nachdem Hasenjaeger zwei NSDAP-Mitglieder wegen seiner regimekritischen Äußerungen denunziert haben, entgeht er nur knapp seiner Entlassung.

Schon als Oberbürgermeister im pommerschen Stolp hat der deutschnationale Hasenjaeger sein Vorgehen gegen die antijüdischen Kaufboykotte der Nationalsozialisten am 1. April 1933 mit seiner zwischenzeitlichen Zwangspensionierung büßen müssen.

Böhm zeigt einen Mann, der später von Otto Pankok und vom Sozialdemokraten Ernst Tommes als moralisch integre und unbeugsame Persönlichkeit gegen seine Kritiker aus SPD und KPD verteidigt wird, aber auch Judenverfolgung und Gewaltexzesse nicht verhindert. „Steckt sie an, aber stellt sofort einen Löschzug daneben“  sagt er dem SA-Mann und Feuerwehrchef Alfred Freter, als dieser ihn am 9. November 1938 fragt, wie er sich im Angesicht eines angeblichen Berliner NS-Befehls zur Brandschatzung der Synagoge verhalten soll. Ihr 1907 am Viktoriaplatz eingeweihtes Gotteshaus hat die Jüdische Gemeinde, der Not gehorchend, am 5. Oktober 1938, weit unter Preis für 56.000 Reichsmark an die Stadtsparkasse verkaufen müssen.

Er selbst räumt später ein, „manche nationalsozialistischen Zielsetzungen“ auch öffentlich gebilligt zu haben. Das an ihn von Johannes Popitz herangetragene Ansinnen, sich dem Widerstand gegen Hitler anzuschließen, beantwortet er mit dem Hinweis, dass ein Sturz Hitlers nur im Rahmen einer Selbstreinigung der NSDAP möglich sei. Am Kriegsende missachtet Hasenjaeger den NS-Befehl, die Stadt zu räumen und lässt die von der Stadt gehorteten Lebensmittel an die Bevölkerung verteilen. Vergeblich versucht er die von der 183. Volksgrenadierdivision der Wehrmacht angeordnete Sprengung der Mülheimer Ruhrbrücken zu verhindern. Dass die Schlossbrücke intakt bleibt, ist vor allem der mutigen Befehlsverschleppung des Soldaten und Ingenieurs Rudolf Steuer zu danken.

Am 11. April 1945 übergibt Hasenjaeger die Stadt an die US-Truppen, die am 11. April 1945 bei ihrem Einmarsch nur vereinzelt auf bewaffneten Widerstand des Volkssturms treffen. Obwohl zwischenzeitlich in Frankreich interniert, reaktiviert die britische Militärregierung Edwin Hasenjaeger am 11. Oktober 1945 als Oberbürgermeister. Später wird er auch als künftiger Oberstadtdirektor gehandelt. Doch obwohl Hasenjaeger mit Ernst Tommes sogar einen sozialdemokratischen Verteidiger hat, der die partei- und personalpolitisch motivierte Kritik an seiner Person zurückweist, muss er unter dem Druck der Sozialdemokraten und der Kommunisten, die von dem ihnen nahestehenden Rhein Echo journalistisch unterstützt werden, am 30. April 1946 als Oberbürgermeister zurücktreten. Die Kontroverse um die von ihm befürwortete Konfessionsschule ist für seine linken Gegner im Stadtrat nur ein äußerer Anlass. Sie sehen in dem ehemaligen Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei und der NSDAP einen Mann von Gestern, mit dem es keinen demokratischen Neuanfang geben kann.

Obwohl Edwin Hasenjäger in seinem Entnazifizierungsverfahren insgesamt weit über ein Dutzend „Persil-Scheine“ von zum Teil prominenten Persönlichkeiten, wie Otto Pankok, ins Feld führen kann, gibt es für den ehemaligen Oberbürgermeister kein politisches Comeback. Stattdessen engagiert er sich nach 1946 als Wirtschaftsberater und Mitglied in verschiedenen Aufsichtsräten.

Patrick Böhm, Foto: Thomas Emons

Vortrag
Patrick Böhm M.A.
: Edwin Hasenjaeger – Ein Oberbürgermeister im NS-System
Donnerstag, 20. November 2025, 18 Uhr
Haus der Stadtgeschichte, Von-Graefe-Straße 37,
45470 Mülheim an der Ruhr.

Publikation
Eine Veröffentlichung in den Rheinischen Vierteljahresblättern ist für den Frühsommer 2026 geplant

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