/

Wilhelm Furtwängler und die Berliner Philharmoniker zu Gast in Mülheim

Konzertankündigung der Berliner Philharmoniker (Anzeige in der Mülheimer Zeitung vom 19. Januar 1940)
Konzertankündigung der Berliner Philharmoniker (Anzeige in der Mülheimer Zeitung vom 19. Januar 1940)

von: Jens Roepstorff

Gastkonzerte in der Mülheimer Stadthalle haben eine lange Tradition. Seit der feierlichen Einweihung des „Saalbaus an der Ruhr“ im Januar 1926 haben aufgrund des Fehlens eines eigenen städtischen Orchesters zahlreiche auswärtige Orchester den Weg nach Mülheim gefunden. Bereits vor der Eröffnung der Stadthalle lag die künstlerische Leitung der städtischen Musikveranstaltungen bei dem Duisburger Generalmusikdirektor Paul Scheinpflug. Somit oblag es ihm und seinem Orchester, dem Sinfonieorchester der Stadt Duisburg, den Festakt zur Einweihung der Stadthalle am 5. Januar 1926 musikalisch zu begleiten. Die ersten Werke, die im neuen Saal erklungen, waren Wagners Ouvertüre der Meistersinger sowie Bruckners 5. Sinfonie.

Mit Scheinpflugs Wechsel nach Dresden Ende 1928 folgte eine dreijährige Vakanz in der künstlerischen Leitung, die erst 1931 mit Eugen Jochum, dem neuen Duisburger Generalmusikdirektor, gefüllt werden konnte. Ab 1933 wurde die Leitung der Mülheimer Veranstaltungen dann nicht mehr vom Orchesterleiter aus dem benachbarten Duisburg wahrgenommen, sondern vom Bochumer Generalmusikdirektor Hermann Meissner. Unter seiner Ägide gelang es den Konzertplanern im Januar 1940, die Berliner Philharmoniker mit Wilhelm Furtwängler im Anschluss an eine Skandinavien-Tournee für ein Sonderkonzert in  Mülheim zu verpflichten. Die Matineeveranstaltung am Sonntag, den 21. Januar 1940 – es erklangen ein Concerto grosso von Händel sowie jeweils eine Sinfonie von Beethoven und Brahms – wurde am darauffolgenden Tag von der Mülheimer Lokalpresse überschwänglich gefeiert:

„Die Begeisterungsstürme, die am Sonntagmittag in der Stadthalle Wilhelm Furtwängler und die Berliner Philharmoniker […] umtosten und den international gefeierten Dirigenten immer wieder hervorriefen, ließen dieses Gastspiel von einem festlichen Glanz umstrahlt sein […] Es waren zwei weihevolle Stunden, die die Berliner Künstler der aus Mülheim und den Nachbarstädten herbeigeströmten Musikgemeinde schenkten […] Kein Wunder, dass die Herzen überquollen voll Freude und Dank für den Tempel des Geistes, der ihnen hier errichtet wurde.“

Tatsächlich war dies nicht das erste Gastspiel des berühmten Orchesters in Mülheim: Seit der Eröffnung der Stadthalle waren die Musiker bereits vier Mal (!) zu Besuch gewesen. Nach dem fünften und letzten Auftritt vor dem Bombenhagel 1943, der die Halle zu einem großen Teil zerstören sollte, bat die Mülheimer Stadtspitze den Dirigenten Wilhelm Furtwängler um einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Mülheim. Was man damals noch nicht wusste: Die Ära der Gastspiele aus Berlin war endgültig beendet und sollte auch nach dem Wiederaufbau und der Wiedereröffnung der Stadthalle im Oktober 1957 keine Fortsetzung finden.

(aus: Mülheimer Zeitzeichen, Veröffentlichungen des Stadtarchivs Mülheim an der Ruhr, Band 1)

Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner