von: Thomas Emons
Hans Werner Nierhaus, den viele ehemalige Otto-Pankok-Schüler noch als ihren Geschichtslehrer kennen, zeigte in seinem Vortrag am 29. Oktober, wie dynamisch das 19. Jahrhundert unter dem Vorzeichen der Industrialisierung auch in Mülheim war.
Am Beispiel des 1793 geborenen Karl Gotthelf Ehrhardt, der sich mit geringer Schulbildung vom Spitzenklöppler über den Hauer bis zum Maschinenwärter hocharbeitete, zeigte Nierhaus mit seinem gutbesuchten Vortrag im Haus der Stadtgeschichte den Wandel von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft, die mit ihrer funktionalen Differenzierung neue Berufe und Chancen des sozialen Aufstiegs schuf.
Der kurzweilige, anschauliche und gut strukturierte Vortrag machte aber auch die Schattenseiten der frühkapitalistischen Gesellschaft deutlich, in der auch zugewanderte Unternehmer, wie der Lederfabrikant Jean Baptist Coupienne und der Textilfabrikant Johann Caspar Troost zur Mülheimer Elite wurden, die sich nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Mäzene in und für die Stadtgesellschaft engagierten.
Bezeichnend war das Schicksal des sozialen Aufsteigers Karl Gotthelf Ehrhardt, der trotz seines zwischenzeitlich erworbenen Vermögens arm und arbeitsunfähig im Alter von 72 Jahren verbittert starb. Denn auch die 1840 gegründete Knappschaftskasse und die 1842 eröffnete Stadtsparkasse konnten die Menschen kaum vor Altersarmut bewahren, wie dies heute vom deutschen Sozialstaat geleistet wird, der mit der Sozialgesetzgebung des ersten deutschen Reichskanzlers und 1895 zum Mülheimer Ehrenbürgers gekürten Otto von Bismarck in den 1880er Jahren seinen Anfang nehmen sollte.
Aus heutiger Sicht kaum zu glauben war die von Nierhaus dargestellte Tatsache, dass die Ruhrschiffer, die mit ihren Familien Mitte des 19. Jahrhunderts, mehr als die Hälfte der Mülheimer Bevölkerung ausmachten, von einem Tag auf den anderen, der kommunalen und privaten Armenfürsorge anheimfielen, wenn die Ruhr, oft über Wochen und Monate, nicht befahrbar war, weil ihr Wasserstand zu niedrig oder zu hoch war oder weil sie im Winter zufror.
Deutlich wurde auch, dass schon im 19. Jahrhundert Migration, Strukturwandel und Fachkräftemangel lebensprägende Erscheinungen waren, die zum Beispieldafür sorgten, dass aus so manchem Ruhrschiffer nach dem Siegeszug der Eisenbahn in den 1860er und 1870er Jahre ein Bergmann oder ein Industriearbeiter wurde. Den Urbanisierungsschub den Mülheim schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte, zeigte Nierhaus mit der Mülheimer Einwohnerzahl, die von knapp 12.000 im Jahr der Stadtwerdung 1808 auf mehr als 22.000 im Jahr 1835 angewachsen sei.
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Herrlich anekdotisch berichtete Hans-Werner Nierhaus über das Mülheimer Revolutionsjahr 1848. „Wir wollen jetzt auch mal Revolution machen. Denn man hört und liest ja jetzt so viel davon“, zitierte der Referent einen Arbeiter der 1811 von Johann Dinnendahl gegründeten Friedrich-Wilhelms-Hütte, als er gefragt wurde, warum er mit seinen Kollegen und einer roten Fahne durch die Straßen der Stadt gezogen sei. Bemerkenswert war auch, dass, wie Nierhaus, der aus den Quellen des Mülheimer Stadtarchivs schöpfen konnte, Mülheimer Unternehmer und Bürgermeister es nicht nur im Revolutionsjahr 1848, sondern auch bei Streiks in den 1850er Jahren vermochten, die Arbeiterschaft durch Zugeständnisse bei Laune zu halten und so eine blutige Eskalation der frühen Arbeitskämpfe zu verhindern.
Die Spannung zwischen Freiheit und Repression, die das gesellschaftliche Leben im Mülheim des 19. Jahrhunderts kennzeichnete, veranschaulichte der pensionierte Geschichtslehrer des Otto-Pankok-Gymnasiums am Beispiel der Jahre
1808 bis 1813, als die Menschen in Mülheim unter der französischen Fremdherrschaft Napoleons lebten und einerseits ganz neue bürgerliche Freiheiten und Rechte, wie kommunale Selbstverwaltung, Gewerbefreiheit, Privateigentum, Abgabenfreiheit und bürgerliche Rechtsgleichheit, aber auch die Repression der Rekrutierung und des Tributs für die Grande Armee des französischen Kaisers erlebten.
